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Rückschau 2017

Wolfgang Bortlik (Dienstag, 13. Juni 2017)

Dina Sikirić (Dienstag, 23. Mai 2017, Einführung Nicole Hausammann) liest aus ihrem autobiographischen Kindheitsroman Was den Fluss bewegt. Langjährige Bühnenerfahrung trägt dazu bei, dass die literarisch nicht immer ganz klar gestalteten, nach Aussage der Autorin aber fiktionsfrei wiedergegebenen Kindheitserinnerungen das Publikum in ihren Bann ziehen. Als Fünfjährige ist sie 1960 mit ihrer Mutter in die Schweiz gekommen und hier zunächst in einem katholischen, später im bürgerlichen Waisenhaus untergebracht worden. Schmerzliche Erfahrungen des Ausgegrenztseins als "Heidin" (Muslima, die Familie stammt aus Bosnien) wechseln mit sehnsuchtsvollen Erinnerungen an die alte Heimat, an die Grosseltern, an den Vater.
Es waren Schlüsselerlebnisse, die sich bei dem frisch eingewanderten Mädchen einprägten. Stark beschreibt sie etwa den Eintritt in ein von Nonnen geführtes Kinderheim, als ihr ein schwarzer Hund vor den Toren schon als Omen begegnet.
(Michel Schultheiss, RZ, 26. 5. 17)

Rudolf Bussmann (Donnerstag, 27. April 2017, Einführung Valentin Herzog) präsentiert seinen neuen Roman Das andere Du, der von einer Internet- Beziehung erzählt, deren Protagonisten Alexis (Student, dann Übersetzer, dann Frau eines bekannten Journalisten) und Melanie (Männerheldin, alleinerziehende Mutter, zuletzt Sans-Papiers) sich in Liebeserklärungen, Gehässigkeiten, Flunkereien und Bekenntnissen ergehen, bis der Leser zuletzt daran zweifelt, dass es überhaupt zwei Personen gegeben hat. Bussmann spielt gekonnt mit den Möglichkeiten einer solchen anonymen Beziehung und liest Passagen seines Buches, die den Zuhörer in (kalkulierter?) Ratlosigkeit zurücklassen.
Und so bleibt der Abend – wie das Buch in seiner Lesart – in seiner Hörart offen. War es nun ein Seminar über die Unverbindlichkeit des gegenseitigen persönlichen Austauschs im heutigen Internet?
(Rolf Spriessler, RZ 5. 5. 17)

Rolf Hermann (Donnerstag, 16. März 2017, Einführung Wolfgang Bortlik – im Kaleidoskop) liest pointenreiche Kurz- und Kürzestgeschichten aus seinem eben erschienenen Buch Das Leben ist ein Steilhang. Dabei zeichnet er Situationen und Figuren aus dem deutschsprachigen Teil des Wallis mit hintergründigem Humor. Hermann artikuliert den schwierigen Walliser Dialekt so präzise und genau, dass die an sich vorgesehene Übersetzung ins Schriftdeutsche entfallen kann. Ein heiter-erfreulicher Abend, der allerdigs dadurch überschattet wird, dass Edith Lohner, die ihn organisiert hat und einführen wollte, kurz zuvor von einem Auto angefahren wurde und erheblich verletzt im Spital liegt.
Rolf Hermanns lustvoller, leichter und doch so präziser Umgang mit seiner Sprache begeisterte und machte den Abend – neben den Geschichten, die einen ein ums andere Mal erstaunen liessen – zu einem ganz besonderen Erlebnis.
Rolf Spriessler, RZ 24. 3. 2017

Gabrielle Alioth (Dienstag, 14. Februar 2017, Einführung Wolfgang Borlik) stellt ihren Jüngsten Roman Die entwendete Handschrift vor. Es geht darin um zwei Basler Historiker, die beide das Leben und Wirken des byzantinischen Diplomaten und Humanisten Chrysoloras (gest. 1415) erforschen – und zu sehr unterschiedlichen Resultaten kommen: Richard Merak, Sohn einer Familie aus dem "Daig", idealisiert ihn, Hans Peterson entdeckt fragwürdige Seiten. Aus der anfänglichen Freundschaft wird bittere Rivalität. Beide sterben kurz hintereinander unter ungeklärten Umständen. Zentralfigur ist Meraks geschiedene Frau Laura, die – ebenso wie Peterson – von dem angesehenen Herrn Professor schändlich ausgenützt worden ist. Sie stand denn auch im Mittelpunkt der sorgfältig gestalteten, immer wieder durch aufschlussreiche Zwischenbemerkungen über die Entstehung des Buches und die dafür notwendigen Recherchen unterbrochenen Lesung.
Geschickt verwebt Gabrielle Alioth diese verschiedenen Motivfäden: Zum einen zeichnet sie ein scharfes Bild der noblen Basler Gesellschaft … zum anderen erzählt sie … eine Geschichte über Trennung und Wiedersehen, über Liebe, Ehe und Tod.
Roswitha Frey, Badische Zeitung, 16. 2. 2017

Elisabeth Schrom (Dienstag, 17. Januar 2017 im Kellertheater, Moderation Katja Fusek) liest drei längere Passagen aus ihrer Erzählung Herbertgeschichten, Texte, die auf ebenso unaufgeregte wie eindringliche Weise von der Lebenssituation eines älteren, alleinstehenden Mannes (Herbert) und der seines verheirateten Freundes Richard sprechen. Der Humor, mit dem Schrom diese beiden Männer und drei weitere (Frauen-)Figuren zeichnet, ist nicht unbedingt freundlich, bestimmt nicht harmlos-gemütlich, aber auch niemals verletzend oder überheblich. Dies zusammen mit einem sicheren Gespür für stimmige Dialoge hat sicher zum Erfolg des Buches und der Lesung beigetragen – und letztes Jahr dazu, dass ein im Stil verwandter Text der Autorin beim Kurzgeschichte-Wettbewerb beide Preise gewann.
In ihren "Herbertgeschichten" … macht Elisabeth Schrom das Unspektakuläre zum Ereignis. […] Das berührt und kommt an.
Rolf Spriessler, RZ 20. 1. 2017

Rückschau 2016

ARENA Kurzgeschichten-Wettbewerb 2016 (Mittwoch, 30. November 2016, 20.00 Uhr im Lüschersaal der Alten Kanzlei, Moderation Valentin Herzog, Lesung der Texte Vincent Leittersdorf).
Was fällt jüngeren oder auch älteren Autorinnen und Autoren zum Stichwort "alt" ein? Darauf war das Team der ARENA höchst gespannt. Erwartungsgemäss gehen die neun Texte, die von Irena Brežná, Sandra Hughes, Ingeborg Kaiser, Peter Mathys, Maurizio Pinarello, Yves Rechsteiner, Elisabeth Schrom, Verena Stössinger und Regula Wenger zu diesem ARENA-Wettbewerb eingereicht wurden, das Thema auf sehr unterschiedliche Weise an. Gleich ob von einer Frau die Rede ist, die sich verbissen an die Illusion ihrer Schönheit klammert, von einem einsamen, alten Mann oder von einem erbitterten Generationenkonflikt – alle neun Geschichten sind aus eigenwilliger Perspektive erzählt und halten manche Überraschung bereit.
Sowohl die aus den neun Autorinnen und Autoren bestehende Jury als auch das zahlreich erschienene Publikum vergaben die Preise (FR. 1000.- und 500.-) an den Text "Die Matratze" von Elisabeth Schrom. Mit geringem Abstand folgten die Beiträge von Sandra Hughes und Peter Mathys.

"Die Matratze" ist eine sehr gelungene, witzige wie auch tragisch-melancholische Geschichte mit einem pointierten Schluss. Eine Geschichte, die Publikum und Jury gleichermassen überzeugt. […] Der Abend überzeugt … weil das Wettbewerbsthema aus ganz verschiedenen Perspektiven beleuchtet wrd und sich daras so manch lohnender Gedankengang ergibt. (Rolf Spriessler, RZ 9. 12. 2916)

Carola Horstmann (Donnerstag, 17. November, Kaleidoskop, Einführung Edith Lohner) liest Texte und Gedichte in ihrer Wiesentäler Mundart aus verschiedenen Büchern und aus Manuskripten. Horstmanns Lyrik entwirft sorgfältige Naturbilder (z. B. eines Sonnenaufgangs) oder reflektiert auf freundliche Weise verschiedene Lebenssituationen. Die erzählenden Texte spiegeln Kindheitserinnerungen oder Begebenheiten des Alltags. Sie sind nicht weniger liebenswürdig, enden meistens versöhnlich, und weckten beim zahlreich erschienenen Publikum lebhaften Applaus.

Horstmann … las viele Geschichten aus ihrer Kindheit – in einer liebevollen, farbigen, bildhaften und lebendigen Sprache mit einer beinahe filmischen visuellen Präzision. Obwohl sie unspektakulär  und fast leise sprach, hörten ihr die Besucher gebannt zu.
(Paul Kienle, RZ, 25. 11. 2016)

Petra Ivanov
(Donnerstag, 27. Oktober, Einführung Katja Fusek)
In "Täuschung", dem jüngsten Kriminalroman der überaus erfolgreichen Zürcher Autorin, geht es um ein ängstlich gehütetes Geheimnis der Familie von Jasmin Meyer. Die ehemalige Polizistin versucht zusammen mit ihrem Partner Pal Palushi diesem Geheimnis in Thailand auf die Spur zu kommen. Die Autorin las einige Passagen aus dem Anfang ihres Romans und vermochte ihr Publikum mit ihrer präzisen Sprache und ihrer sorgfältig artikulierten Stimme zu faszinieren.

Als "vegetarische Krimis" bezeichnet Petra Ivanov die Meyer-Palushi-Reihe. Diesen Ausdruck wählte sie, weil diese Art von Krimis weniger brutal und gewalttätig ist … Viel spannender sei es nämlich, nur eine kleine Drohung in die Geschichte einzubauen. Das lasse viel mehr Spielraum für den Autor. (Nathalie Reichel, RZ, 4. 11. 2016)

Andrei Mihailescu
(Donnerstag, 22. September, Einführung Valentin Herzog) stellt seinen Romanerstling "Guter Mann im Mittelfeld" vor. Der vergangenes Jahr bei Nagel & Kimche erschienene Roman erzählt die Geschichte des Journalisten Stefan Irimescu, der zu Beginn der 80er Jahre in Bukarest von der gefürchteten Securitate verhaftet und gefoltert, dann aber wieder freigelassen wird. Da er sich im Gegensatz zu vielen anderen Intellektuellen dem Meinungsterror der Diktatur zu entziehen versucht – und ausserdem eine gefährliche Liebschaft mit der Gattin eines Parteifunktionärs beginnt – gerät er in einen Hexenkessel von Drohungen und Gewalt.

Direkt mit den ersten vorgelesenen Sätzen fühlt man sich gebannt vom Schicksal des jungen Journalisten, der zwischen die Räder der Macht Rumäniens kommt. (Lukas Feldhaus, RZ, 30. 9. 2016)

Hans Platzgumer
(Dienstag, 23. August 2016, Einführung Wolfgang Bortik) liest aus seinem neuen Roman "Am Rand", der die Geschichte eines Gelegenheitsarbeiters und gescheiterten Schriftstellers erzählt. Gerold Ebner, Sohn einer fromm gewordenen Prostituierten, kämpft zeitlebens mit dem Stigma ein "Hurensohn" und ausserdem ein Südtiroler zu sein. Er verstrickt sich in kriminelle Aktionen und legt als letzte Tat auf einem einsamen Berggipfel eine (schriftliche) Lebensbeichte ab.

Es geht immer um Leben und Tod, um die großen Fragen des Lebens in diesem düsteren Roman, der eine starke menschliche Dramatik entwickelt. Auswendig trägt Platzgumer den Anfang vor, spricht in intimer Ich-Form direkt die Zuhörer an, zieht sie in den Sog dieser Geschichte einer gebrochenen Existenz. (Roswitha Frey, Badische Zeitung, 26. 8. 2016)

Francis Picabia, Funny Guy & Dada
(Dienstag, 7. Juni 2016, Einführung Wolfgang Bortlik) Der Maler, Schriftsteller und Provokateur Picabia, der Dada mit inspirierte, bald aber neue Wege suchen sollte, lebt weiter in seinen Bildern wie in seinen Schriften. Hanna Mittelstädt (Übersetzerin seiner Texte, Herausgeberin) und Wolfgang Bortlik lesen aus einem eben bei Nautius erschienen Picabia-Band und zeigen eine Fülle dazu passender Bilder.

An dem Abend wurde deutlich, dass Francis Picabia, Besitzer mehrerer Autos, Lebemann und Frauenliebhaber, Provokateur und Kritiker sehr viel dachte. Und dass sein Denken sehr oft die Richtung wechsete. (Michèle Faller, RZ 10. 6. 2016)

Beat Sterchi und Michael Pfeuti
(Donnerstag, 19. Mai, Kaleidoskop in der ARENA, Einführung Edith Lohner)
Der einst mit seinem Roman „Blösch“ bekannt gewordene Beat Sterchi bewegt sich heute. vor allem in der Spoken-Word-Szene und schreibt Texte, die sich zwar lesen lassen – z.B. im kürzlich erschienenen Band „U no einisch“ – , die aber vor allem im mündlichen Vortrag ihre starke Wirkung entfalten: Wortklang, mantrahafte Wiederholung bestimmter Wortgruppen und satirische Zuspitzung ergeben treffende Ausschnitte aus unserer Wirklichkeit. Michael Pfeuti begleitete die Texte virtuos auf dem Kontrabass und spielte zwischendurch improvisierte Solos ebenso souverän wie etwa zwei Sätze aus Bachs Cellosuiten.

Abschliessend bleibt zu vermerken, dass Sterchi und Pfeuti ihr Publikum zu begeistern, zu mehrfachem Szenenapplaus hinzureissen verstanden – und dass der reich bestückte Büchertisch zuletzt fast leergeräumt war. Auch das spricht eine deutliche Sprache.(Valentin Herzog, RZ 27. 5. 2016)

Armin Zwerger, Über die Eiserne Hand hinüber(Dienstag, 12. April im Gartensaal der Alten Kanzlei, EinführungValentin Herzog)
Zwerger liest aus seinem Romanerstling „Über die Eiserne Hand hinüber“. Darin geht es um den massiven Stacheldrahtverhau, mit dem Deutschland während des II. Weltkriegs die Grenze zur Schweiz zu sichern suchte und der nur an der Eisernen Hand eine Lücke aufwies. Es geht um Menschen, die diese Lücke aus verschiedenen Motiven auszunützen suchen, und um solche, die sie mit brutalen Methoden daran hindern wollen. Besonders eindrucksvoll die Geschichte einer jüdischen Familie, der die Flucht über die Eiserne Hand nur unvollkommen gelingt.

Der Autor erzähle nicht mit dem Blick eines Historikers, sondern mit der Fantasie eines Nachgeborenen und mit viel Empathie, hatte Valentin Herzog in seiner Einführung gesagt. Und gerade die Tatsache, dass der Roman mehr Fragen offenlasse, als er Antworten gebe, mache das Buch so wichtig. Das Publikum war beeindruckt. (Rolf Spriessler, RZ 15. 4. 2016)

Christian Haller, Verborgene Ufer
(Dienstag, 1. März, Einführung Wolfgang Bortlik)
Haller stellt seinen jüngsten Roman „Die verborgenen Ufer“ vor, der von Kindheit und Jugend des Autors handelt, allerhand Familienkonflikte beschreibt, aber auch die frühe Begeisterung für archäologische Forschungen, eine erste Liebe und schliesslich das Eintauchen in die Welt der Literatur. Ausgelöst wurde das auf drei Bände angelegte Projekt durch ein bedrohliches Ereignis: Eines Nachts unterspülte das Hochwasser Hallers direkt am Rheinufer stehendes Haus und brachte es fast zum Einsturz. Diesem Schrecken begegnet der Autor durch das, was er am besten kann, durch Erzählen.

Dass zwischen den vier sehr überzeugend vorgetragenen Abschnitten (des Romans) noch sehr viel Lesenswertes wartet,war den Gästen der ARENA zweifellos klar. Sie dankten dem Autor mit langem Applaus. (Valentin Herzog, RZ 4. 3. 2016)

Wilfried Meichtry
(Mittwoch, 3. Februar, Einführung Katja Fusek)
"Die Welt ist verkehrt, nicht wir! Katharina von Arx und Freddy Drilhon" - eine unter Verwendung vieler Originaldokumente mit grosser Einfühlungsgabe und auf hohem literarischem Niveau erzählte Romanbiographie, die das Leben zweier rebellischer, ansonsten aber grundverschiedener Menschen darstellt: Katharina stammt aus bürgerlichen Schweizer Verhältnissen, lehnt sich aber gegen die herkömmliche Frauenrolle auf, wird abenteuerliche Journalistin und zuletzt die Hüterin eines kulturgeschichtlich bedeutsamen Hauses in Romainmôtier. Freddy entstammt einer französischen Grossbürgerfamilie, mit der er sich aber schon als Junge verkracht, kämpft im Weltkrieg, wird Fotograf und Filmer, begleitet Katharina in die Südsee, wo sich eine heftige Liebe zwischen den beiden entwickelt.

Meichtry las Passagen aus seinem Buch, berichtete über seine Begegnungen mit Frau von Arx und ihrem gigantischen Archiv, zeigte Fotos und Ausschnitte aus seinem im Entstehen begriffenen Dokumentarfilm über Katharina und Freddy. Das sehr zahlreiche Publikum folgte seinen Ausführungen mit grösster Spannung und Aufmerksamkeit.
Wilfried Meichtry vermittelte dem Publikum im Kellertheater der Alten Kanzlei ein lebhaftes Bild der Abenteurerin und Reisejournalistin Katharina von Arx. (Rolf Spriessler, RZ 12. 2. 2016)

Barbara Honigmann
(Donnerstag, 14. Januar, Einführung Edith Lohner)
Honigmann stellt ihren Roman "Chronik meiner Strasse" vor. Darin schildert sie auf humorvolle Art das Leben in der Strassburger rue Edel, in der sie seit ihrer Übersiedlung in den Westen (1984) mit ihrer Familie lebt. Es ist eine eher schäbige Strasse, bewohnt von Arabern, Afrikanern, Asiaten, unterprivilegierten Menschen aus dem "anderen Frankreich" - und einigen jüdischen Familien. Honigmann sieht hier einen Kosmos im Kleinen – und bleibt an der rue Edel wohnen, während die meisten Leute, sobald sie können, in bessere Quartiere umziehen.

Honigmanns Humor ist – und das ist für einmal ein positives Vorurteil – typisch jüdisch: trocken, subtil, nie despektierlich und doch schlitzohrig und augenzwinkernd. (Boris Burkhardt, RZ 22. 1. 2016)

Rückschau 2015

Martin Walker (Donnerstag, 3. Dezember 2015, Einführung Beat Baltensperger) liest einige Passagen aus seinem verspielt amüsanten Roman ″Hotel Schräg″. Er beweist ein gutes Gespür für kleine Pointen, die mit kabarettistischem Flair vorgetragen werden: ″Ohne das Slanthouse (=Hotel Schräg) sähe die Kunstgeschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts ganz anders aus.″ Die freche Behauptung bezieht sich darauf, dass in dem abgelegenen und wenig komfortablen Alpen-Hotel nicht nur die Zürcher Dadaisten, sondern von Malewitsch bis Picasso auch fast alle Grössen der klassischen Moderne residiert haben sollen.
Die Lesung entwickelte sich schnell zum vergnüglichen Erlebnis. Der Text ist höchst amüsant und enthält viele Anspielungen auf Anekdoten aus der Künstlerwelt des frühen 20. Jahrhunderts … Martin Walker versteht es, seinen … Text unglaublich gut vorzutragen. (Rolf Spriessler, RZ 11. 12. 2015)


Jean-Christophe Meyer (Donnerstag, 12. November 2015 im Kellertheater, Einführung Edith Lohner, Kaleidoskop) liest Gedichte aus seinem neuen Band ″Liechtùnge – Clairières″ und neuere Kolumnen aus der Tageszeitung L'Alsace. Ausserdem gibt er einen Überblick über die verzweigte Sprachlandschaft Elass und plädiert leidenschaftlich für Erhaltung und Pflege des immer wieder und immer mehr bedrohten Elsässer Dialekts. Die bekannte Saxophonistin Noëmi Schwank begleitete den Abend.
.. Es war nicht einfach eine Lesung ... es war ein Plädoyer des Elsässers für seine Sprache ... und zugleich ein Aufschrei gegen den drohenden Untergang einer Kultur ... die zu verschwinden droht. (Rolf Spriessler, RZ, 20. 11. 15)


Flavio Steimann (Donnerstag, 22. 10. 2015, Kellertheater, Einführung Katja Fusek) las mehrere Passagen aus dem ersten Teil seines Romans "Bajass". Zentralfigur ist ein gewisser Albin Gauch, Ermittlungsbeamter im Kanton Luzern, dem nur noch "halb geheuer" ist, "dass er Leute fing für einen Staat, der ihn selber gefangen hielt." Im April 1910 wird Gauch zu einem abgelegenen Hof beordert, dessen Besitzer brutal erschlagen worden sind. Zu den wenigen Spuren, die auf den Täter hinweisen könnten, gehört die Fotografie eines verschreckten, auf deren Rückseite das Wort "Bajass" steht. "Bajass" (abgeleitet von Bajazzo) bedeutet das gleiche wie das veraltete Wort "Gauch" (von Gaukler): Taugenichts, Nichtsnutz, Tölpel.
"Bajass" ist nicht nur das Portät eines müden Polizeibeamten, sondern auch die Geschichte der bäuerlichen Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wo Rückständigkeit und Armut herrschen und Kinder brutal ausgebeutet werden.
Wer sich am Ende des Abends entschloss, "Bajass" am Büchertisch zu erwerben, hat damit sicher keinen schlechten Griff getan. (Valentin Herzog, RZ 30. 10. 2015)

Ulrich Blumenbach (Dienstag, 22. 9. 2015, Kellertheater, Einführung Wolfgang Bortlik) ist ein bekannter und mit vielen Preisen ausgezeichneter Übersetzer. Der hochinteressante, vielerlei Einblicke in den Literaturbetrieb gebende Abend gestaltete sich als lockeres Gespräch zuerst mit dem Moderator W. B., dann erfreulicherweise auch mit dem Publikum. Blumenbach sprach von der Herausforderung, die jeder Text, gleich ob es sich um "hohe" oder triviale Literatur handelt, an den Übersetzer stellt, von den weitläufigen Recherchen, die oft nötig werden, und von der Lust an der Arbeit mit Sprache. Dass sein Beruf ein hartes Brot ist, verschwieg er ebenso wenig wie seine Kritik an bestimmten Verlagen, die vor allem mit so genannten Unterhaltungstexten oft so leichtfertig umgehen, dass von der Qualität etwa einer Autorin wie Agatha Christie nichts mehr zu merken ist.
Ins Zentrum des Selbstverständnisses von Ulrich Blumenbach traf wohl die Frage, warum er nicht eigene Bücher schreibe. Die Antwort war verblüffend einfach und ehrlich: "Ich habe nicht das Bedürfnis, selber zu schreiben, denn ich habe im Gegensatz zu den Autoren nichts zu sagen. Ich habe keine Botschaft. Ich arbeite einfach gern mit der Sprache." (Valentin Herzog, RZ 2. 10. 15)

Ingeborg Kaiser (Donnerstag, 27. August 2915 – Saisoneröffnung im Kellertheater, Einführung Valentin Herzog). Die Autorin, die Mitte des Monats ihren 85. Geburtstag gefeiert hat und der das aktuelle (16.) Jahresheft der ARENA gewidmet ist, trägt einem erfreulich zahlreichen Publikum neue, teils unveröffentlichte Gedichte vor, ferner einzelne Passagen aus ihrem neuen Buch über Rosa Luxemburg und R. W. Fassbinder ("Ich war, ich bin, ich werde sein …") sowie ausgewählte Texte aus ihrer im Entstehen begriffenen Autobiographie "Wegtanzen". Gerade dieser Text, in dem familiäre Spannungen ebenso wie der aufkommende Nazi-Terror aus kindlicher Sicht gestaltet sind, vermochte Zuhörerinnen und Zuhörer stark und unmittelbar anzusprechen.
Ingeborg Kaiser verbindet Historisches mit Gedanken über das Leben, über sich selber …"Man will sich auf die Schliche kommen", sagt sie. Ihr dabei zuzuhören ist ein eindrückliches Erlebnis. (Rolf Spriessler-Brander, RZ 4. 9. 15)

Wolfgang Bortlik (Donnerstag, 28. 5. 2015 im Kellertheater, Einführung Beat Baltensperger) liest aus seinem neuen Kriminalroman "Spätfolgen", in dem es nicht um medizinische, sondern um menschliche Spätfolgen des Kampfs gegen die Atomkraftwerke in den 1970er Jahren geht. Melchior Fischer, Bortliks bekannte Hauptfigur, recherchiert für einen Artikel über die damalige Protestbewegung und stösst dabei in Riehen wie in Aarau auf erschreckende Abgründe. Mit spitzer Feder und kühlem Humor zeichnet der Autor seine Figuren – Menschen, die fast alle etwas zu verbergen haben.
Nicht knallharte Spannung und die Rätsellust eines Kriminalromans sind es, die einen beim Zuhören packen, sondern die abstrusen Situationen … und das Alltägliche, das den Zuhörer immer wieder an selber Erlebtes denken lässt. (Rolf Spriessler-Brander, RZ, 5. 6. 15)

Christian Schmid (Dienstag, 28. April 2015 im Kellertheater, Einführung Edith Lohner) stellt die Dialektfassung seines ursprünglich 2002 erschienenen Romans "Näbenusse" ("Nebenaussen") vor. Er handelt von der Kindheit des Autors, der als Sohn eines Grenzwächters im äussersten Zipfel der Ajoie aufwuchs, bevor die Familie nach Basel (und später nach Bern) versetzt wurde. Schmid weiss Szenen und Situationen dieser Kindheit – etwa die Geburt eines Kalbes oder den Bal Musette im nahen Gasthaus – äusserst suggestiv und einfühlsam zu zeichnen und natürlich auch entsprechend vorzutragen. Ganz unaufdringlich schleichen sich dabei auch philosophische Reflexionen ein, etwa über die Wichtigkeit des Schweigens in der die Menschen verschiedene, Pflanzen und Dinge noch einmal andere Sprachen sprechen.
Gastgeberin Edith Lohner hat Recht, wenn sie Christian Schmid einen begnadeten Erzähler nennt. Andächtige Stille, wenn er den Weiler Les Bornes beschreibt, wo sein Vater Grenzwächter war … (Rolf Spriessler-Brander, RZ, 30. 4. 15)

Lukas Hartmann (Donnerstag, 26. März 2015 im Kellertheater. Einführung Valentin Herzog) ist zum zehnten Mal (seit 1993) in der ARENA zu Gast und stellt im überfüllten Kellertheater seinen am Vortag erschienenen Roman "Auf beiden Seiten" vor. Er konzentriert sich dabei auf die beiden wichtigsten Antagonisten, den ehemals radikal linken Journalisten Mario Sturzenegger und seinen einst glühend verehrten, dann heftig bekämpften Deutschlehrer Armand Gruber, Mitglied der geheimen Organisation P-26, die mit dilettantisch-konspirativen Methoden den Widerstand gegen eine "kommunistische" Machtergreifung in der Schweiz plante. Lukas Hartmann überzeugt sein Publikum vor allem dadurch, dass er seine Figuren mit grosser Empathie zeichnet und doch die Objektivität des Blicks auf die Gegenwartsgeschichte wahrt.
"Auf beiden Seiten" ist ein wichtiger, ein gelungener, ein lesenswerter Roman. Und ein irritierender … (Markus Wüest, BaZ, 26. 3. 15)
Der Arena-Abend erlaubte tiefe Einblicke in Stimmung und Sprache des neuen Hartmann-Romans und ließ weit in die Hintergründe blicken, aufgrund derer "Auf beiden Seiten" entstand. (Rolf Spriessler-Brander, RZ 2. 4. 15
)

Regula Wenger (Dienstag, 3. März im Kellertheater. Einführung Wolfgang Bortlik) liest aus ihrem Debütroman "Leo war mein erster". Es geht darin um eine gewisse Pia, die als Putzfrau die Wohnungen von Verstorbenen aufräumt, dabei allerhand Geheimnisse entdeckt – und vielleicht auch die Liebe. Skurriles verbindet sich mit Traurigem und der Tod verliert bei Wengers leisem Humor seinen Schrecken.
Diese Geschichten, in klaren Worten und kurzen Sätzen, ernsthaft und zugleich leise selbstironisch, sind es wert, Regula Wengers Erstlingswerk zu lesen. (RZ, 6. 3. 15, Michèle Faller)

Helen Liebendörfer (Donnerstag, 12. Februar 2015 im Kellertheater. Einführung Valentin Herzog) stellt ihren historischen Roman über Angela Böcklin, die Frau des Malers, vor: "Carissima mia!" Das Buch zeichnet aus dem Blickwinkel einer Frau das anschauliches Bild einer von Geld- und Gesundheitssorgen geplagten, oft – und gerade auch in Basel – angefeindeten Künstlerfamilie des 19. Jahrhunderts. Die Autorin erzählte höchst lebendig von den wichtigsten Lebensstationen, las dazu jeweils ausgewählte Passagen aus ihrem Buch und gab ausserdem interessante Hinweise auf Spuren die Böcklin und sein Meisterschüler Hans Sandreuter in Basel und Riehen hinterlassen haben.
Was diesen Vortrag zu einem eindrucksvollen Erlebnis machte, waren die Bilder: Jedes Gemälde, das im Text erwähnt wurde, erschien zeitgleich auf der grossen Projektionswand. (RZ, 20. 2. 15)

Simone Lappert (Dienstag, 20. Januar 2015 im Kellertheater. Einführung Katja Fusek) liest aus ihrem "mit viel Poesie und Sinn für skurrilen Humor geschriebenen" (K. F.) Erstlingsroman "Wurfschatten". Er erzählt von der beruflich nicht sehr erfolgreichen Schauspielerin Ada, die sich von der Angst vor allen nur denkbaren Katastrophen in eine quälende Isolation treiben lässt, aus der erst die ungewollte Begegnung mit einem gewissen Juri, einem jungen Goldschmied, vielleicht einen Ausweg zeigt.
Ada ist so etwas wie ein weiblicher Peter Schlemihl des 21. Jahrhunderts. (RZ, 23. 1. 15).

Rückschau 2014

Matto Kämpf (Dienstag, 2. 12. 2014 im Kellertheater, Einführung Wolfgang Bortlik) liest die Anfangskapitel und einige weitere Passagen aus seiner "Erbauungsschrift" mit dem Titel "Kanton Afrika". Das Büchlein schildert die den Münchhauseniaden nachempfundene Reise eines Vorfahren kreuz und quer durch die Schweizer Topographie und Geschichte. Eher lustig als erbaulich. Die Veranstaltung war trotz vorzüglicher Werbung (Einladungskarten und –mails, Plakat, Inserat und Vorschautext in der RZ, zusätzliche Einladung im Rundmail des Literaturhauses, grosser Text in der BaZ) leider nicht besonders gut besucht.

Matto Kämpf ist eine Entdeckung als schräger Erzähler, der wohl eher im Dialekt denn im Hochdeutschen zu Hause ist. Für das Arena-Publikum aber war er eher ein Missverständnis oder ein abenteuerlicher Ausflug in eine etwas fremde Welt. (Rolf Spriessler, RZ 5. 12. 2014)

Ingeborg Gleichauf (Mittwoch, 12. November 2014 im Kellertheater. Einführung/Moderation Katja Fusek) stellt ihre Studie "Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit" vor, eine mit grosser Sensibilität geschriebene Darstellung der krisenreichen Liebesbeziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann. Da der Briefwechsel zwischen den beiden langfristig gesperrt ist und alle noch lebenden Zeugen recht wortkarg blieben, hatte die Autorin aufwendige Detektivarbeit im literarischen Werk der beiden grossen Dichter zu leisten.

Der Abend, der mit dem Porträt einer grossen, gescheiterten Liebe begonnen hatte (endete in der Diskussion) mit einem ernüchternden Blick auf die Mechanismen des Literaturmarktes. (Rolf Spriessler, RZ 21. 11. 2014)

Ueli Bietenhader (Donnerstag, 30. Oktober 2014 im Kellertheater, Einführung Edith Lohner) liest im Altstätter Dialekt Geschichten aus seinen Büchern "Roote Holder" und "Moll moll", die vorwiegend von Kindheit und Jugend, von Kriegs- und Nachkriegszeit, aber auch von fröhlichen Szenen wie Pferdeäpfelschlachten oder improvisierten Zirkusvorstellungen handeln. Dazwischen erläutert der Mittelschul- und Musiklehrer, Komponist und Filmemacher die Eigenheiten seiner Mundart – und greift auch immer wieder zu Handorgel und Mundharmonika.

Die Menschen im Kellertheater hingen an Bietenhaders Lippen und auch er genoss das Lesen sichtlich. Die Geschichten waren poetisch oder makaber, mal lustig, mal tragisch und ab und zu beides zusammen – eben weil wahr." (Michèle Faller, RZ 7. 11. 2014)

Lektorat Literatur (Donnerstag, 2. Oktober 2014 im Kellertheater). Verena Stössinger und Valentin Herzog (als Lektoren) diskutieren mit Linard Candreia ("Die Südtirolerin") und Geneviève Lüscher ("Die blaue Katze") darüber, was sie als Lektoren beim Begutachten der eingereichten Manuskripte überlegt, bzw. darüber, was sie als Autoren mit der Rückmeldung aus dem Lektorat angefangen haben. In beiden Fällen erwiesen sich sowohl die eigentlichen Gutachten als auch die anschliessenden Gespräche als hilfreich – beide Bücher sind im laufenden Jahr erschienen.

Wie wird aus einer guten Idee ein Text? Und wie aus einem Text ein Buch, das von einem Verlag auch publiziert wird? Um solche Fragen ging es bei der jüngsten ARENA-Veranstaltung. (Rolf Spriessler, RZ 10. 10. 2014)

Hans Platzgumer (Dienstag, 16. September 2014 im Kellertheater. Einführung Wolfgang Bortlik) stellt seinen Roman "Korridorwelt" vor und untermalt dies mit eigenen Songs: Ein schweres Erdbeben erschüttert Los Angeles und treibt den Strassenmusiker Julian Ogert nackt auf die Strasse. Dort überfällt ihn die Erinnerung an den Doppelselbstmord seiner Eltern, eine Katastrophe, die den 17jährigen völlig aus der Bahn warf und zum Heimatlosen werden ließ.

"Korridorwelt" ist schwere Kost, kunstvoll und kenntnisreich erzählt, abstossend und anziehend zugleich …
(Rolf Spriessler, RZ 19. 9. 2014)


Wolfgang Bortlik (Dienstag, 3. Juni 2014 im Kellertheater. Einführung Valentin Herzog). Mit signifikanten Schlüsselszenen aus seinem neuen Roman "Arme Ritter" stellt der Autor die Geschichte einer anarchistischen "Viererbande" vor, die 1974 in einem oberbayerischen Dorf einen Banküberfall begeht, deren Mitglieder sich dann mehr schlecht als recht in der immer noch kapitalistischen Gesellschaft zurechtfinden und im Jahre 2010 vor einem Hodler(!)-Bild im Basler Kunstmuseum alte Rechnungen begleichen. Deutlich die ironische Distanz, die Bortlik zu seinen Figuren und ihrem politischen Denken wahrt. Bekannte Songs aus der Zeit – auf der Gitarre begleitet von Gogo Frei – runden das Bild ab.

Bortlik legt den Akzent auf eine Facette seines gelungenen Buches, und zwar jene, die am autobiografischsten sein dürfte … Er betont, dass es wichtig sei, die 1970er Jahre in Erinnerung zu bewahren … In diesem Sinne gelingt es Bortlik, ein Stück Zeitgeschichte aufleben zu lassen." (Rolf Spriessler, RZ 6. 6. 14)


Rudolf Bussmann (Dienstag, 6. Mai 2014 im Kellertheater, Einführung Katja Fusek). Der Autor lässt sich zu Arbeitsweise und Erzählabsicht von Katja Fusel befragen und stellt eine Reihe seiner sehr kurzen Texte aus dem neuen Erzählband "Popcorn. Texte für den kleinen Hunger" vor. In einem etwa geht es um ein Kind, das vor lauter "Üben" den Alltag, die Schule, das Leben zu verpassen scheint, Eltern und Lehrer gleichermassen ratlos lässt. Auch wenn man nicht erfährt, was dieser Junge "übt" – seine Borniertheit und die Fehlhaltung seiner Umwelt gewinnen in dem knapp zweiseitigen Text exemplarisches Profil.

Rudolf Bussmanns Geschichten lassen die Wörter spielen. Und dies nicht nur im übertragenen Sinne. Der Autor kreiert eine Geschichte, in der die Wörter selbst zu Wort kommen … (Matthias Kempf, RZ 9. 5. 14)


Annette Pehnt (Dienstag, 25. März 2014 im Kellertheater, Einführung Katja Fusek). In ihrem neuen Erzählband "Lexikon der Angst" kreist die Autorin das facettenreiche Gefühl unserer alltäglichen Ängste ein. Die kurzen bis sehr kurzen Texte, die Pehnt aus ihrem schmalen Band las, zeigen, wie die Angst sich an harmlosesten Dingen festsetzt – das ist das Tückische daran. Die sonst sehr pflichtbewusste und überlegene Ich-Figur in "Strömung" etwa verpasst immer wieder den Bus zur Arbeit, weil sie nochmal und nochmal in ihre Wohnung zurückkehren muss, um zu kontrollieren, ob die Herdplatte wirklich ausgeschaltet ist.

Das "Lexikon der Angst" liefert lesenswerte Einblicke in unsere meist geheim gehaltenen Befindlichkeiten. Und die werden … so aufgelistet, dass einem zwar nicht angst, doch bange werden kann.
(Nikolaus Cybinski, RZ 28. 3. 14)


Arno Cameinisch (Dienstag, 17. Februar 2014 im Kellertheater, Einführung Edith Lohner). Der junge, mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Bündner Autor liest reiz- und humorvolle Miniaturen aus "Hinter dem Bahnhof" und vor allem aus seinem neueste Buch "Fred und Franz", das verschiedenartige Dialogsituationen zwischen dem ungleichen und auch etwas unbeholfenen Freundespaar schildert – Situationen und Wortwechsel, die scharfe Lichter auf unsere Gesellschaft und die conditio humana werfen. Eine Performance mit teils surselvischen, teils bündnerdeutschen Gedichten (Spoken Word Texten) rundete die gut besuchte Veranstaltung ab.

Ob wahr oder nicht, Arno Camenisch weiss zu unterhalten. (Fabian Schwarzenbach, RZ 21. 2. 14)


Maurizio Pinarello: "Salmen" (Donnerstag, 30. Januar 2014 im Kellertheater mit Urs Rudin, Keyboard, und Wolfgang Bortlik, Moderation, Lesen und Gesang). Der Autor stellt seinen anschaulichen Roman über die zwei ungleichen Freunde Enrico und José auf äusserst abwechslungsreiche und vergnügliche Art vor. Da es in dem Roman häufig um die Musik und den Tanz der 70er und 80er Jahre geht, improvisiert er, unterstützt von Keyboard und Gesang, schliesslich sogar eine Tanzstunde mit verschiedenen Damen und Herren aus dem Publikum, das diese lebendige Form der Literaturvermittlung mit grossem Beifall aufnimmt.

Die Geschichte der beiden Secondos aus Basel, die man während zwanzig Jahren begleitet, ist nicht nur ein klassischer Entwicklungsroman, sondern auch die gleichzeitig spannende und angenehm unspektakuläre Geschichte eines ungleichen Freundespaares. (Michèle Faller, RZ, 7. 2. 14)

Rückschau 2013

Christoph Keller (Donnerstag, 7. November 2013 im Kellertheater, Einführung Wolfgang Bortlik) stellt seinen Roman Übers Meer vor, ein trotz aller Widersprüche und Dissonanzen, Rätsel und bewusst offengelassenen Situationen sehr ansprechendes Buch. Der Rundfunkredaktor Christoph Keller präsentiert es sprachlich gekonnt und mit einer geschickten Auswahl der gelesenen Passagen.

Ein Roman, der durch seine Sprache, seine Anschaulichkeit, seine kulturellen und historischen Bezüge fasziniert … Das Publikum war fasziniert.
(Rolf Spriessler, RZ, 15. 11. 13)


 

Yvonn Scherrer (19. Oktober 2013, KALEIDOSKOP, Kellertheater, Einführung Markus Ramseier), liest aus ihrem ersten Buch "Nasbüechli. Eine Duftreise" und vermittelt dem sehr interessierten Publikum einen sehr plastischen Eindruck davon, wie ein blinder Mensch die Welt wahrnimmt, nämlich in allererster Linie nicht durch das Gehör, sondern durch ihre Düfte. Bemerkenswert ist, mit welcher Farbigkeit und Differenziertheit die berndeutsch schreibende Autorin olfaktorische Sensationen in Sprache umzusetzen versteht. Als Journalistin und Reporterin bei Radio SRF I kommt Yvonn Scherrer viel in der Welt herum – entsprechend grossen Raum nehmen deshalb auch exotische Duft-Impressionen ein, etwa die von einer Kakao-Plantage in Brasilien.

Ein faszinierendes Tagebuch übers Riechen.
(Basler Zeitung, 17. 10. 2013)



Lukas Hartmann (26. September 2013, Kellertheater, Einführung Valentin Herzog) stellt seinen neuen Roman "Abschied von Sansibar" vor. Er erzählt die Geschichte der arabischen Prinzessin Salme, die 1866 mit einem Hamburger Kaufmann durchbrennt und nach dessen frühem Tod mit ihren drei Kindern zwischen zwei Kulturen verlassen bleibt. Vor allem aber beschäftigt den Autor das Schicksal des Sohnes Rudolph Said-Ruete, der nach einer unerträglichen Militärkarriere Kaufmann wird, sich mit äusserster Energie und wenig Erfolg für den Gedanken der Völkerverständigung einsetzt und 1946 einsam in Luzern stirbt. Hartmann stellt die Folgen des kulturellen Identitätsverlustes mit der ihm eigenen Konsequenz dar.

Bei der Lesung in der ARENA erwies sich Hartmann mit seiner sonoren und ausdrucksstarken Stimme als exzellenter Präsentator seines Buches. Das Publikum hörte gespannt zu und spendete … begeisterten Applaus.
(Paul Schorno, RZ 4. 10. 13)

Markus Ramseier (3. September 2013, Kellertheater, Einführung Valentin Herzog) stellt seinen eben bei Haymon erschienenen vierten Roman "Vogelheu" vor. Er konzentriert sich dabei auf die beiden Hauptgestalten, die 19jährige Ich-Erzählerin Flo und ihren 70jährigen Grossvater, der sie als seinen "Stellvertreter" betrachtet und ihr den unmöglichen Auftrag erteilt, im Fall seines Todes einen angemessenen Nachruf auf ihn zu verfassen. Das Publikum im bis zum letzten Platz besetzten Kellertheater dankt dem Autor für seine hervorragend gestaltete Lesung mit lebhaftem Applaus. Die ARENA-Saisoneröffnung gerät recht vielversprechend.

"Vogelheu" ist kein Action-Roman, ganz bewusst nicht. Der Autor lässt sich Zeit, seine Figuren zu entwickeln, schafft Atmosphäre
und kreiert einzigartige Sätze … "Vogelheu" ist ein langsamer
Roman voller Stimmungen und Assoziationen, ein Roman zum Nachdenken …
(Rolf Spriessler, RZ 6. 9. 13)


Rose Ausländer und Gertrud Kolmar (4. Juni 2013, Kellertheater, Einführung Valentin Herzog): Die Rezitatorin Eva Hilbck, am Klavier begleitet von Sylvia Herzog, stellt zwei lyrische Stimmen aus dunkler Zeit vor: Rose Ausländer (1901-88) und Gertrud Kolmar (1894-1943) sind Persönlichkeiten, wie sie sich gegensätzlicher kaum denken lassen, doch in ihrem lyrischen Schaffen verbindet sie vieles: Klarheit der Form, verhaltene Trauer um Verlorenes und das Ringen um die Position eines jüdischen Menschen in finsterster Zeit.

Der Arena-Abend wurde beiden Persönlichkeiten gerecht und fand im Kellertheater vor vollen Rängen statt … Die meisterhafte Sprecherin Eva Hilbck las Gedichte und lyrische Texte … Die Texte Gertrud Kolmars traten in direkten Dialog mit Musikstücken zeitgenössischer … Komponisten, am Klavier einfühlsam intoniert von Sylvia Herzog. Text und Musik wurden eins …
(Rolf Spriessler, RZ, 7. 6. 13)

Slam Poetry (21. Mai 2013, Kellertheater): Daniela Dill, Gregor Stäheli, Kilian Ziegler und Remo Zumstein stellen verschiedene Möglichkeiten der Slam-Poetry vor. Die Ausdrucksformen reichen von besinnlich-lyrischer Poesie bis zum atemlos schnellen Rap-Text, von Ironie bis zum Kalauer ("Warschauerin im Tram = Trampolin") vom geschliffenen Deutsch bis zum breiten Berner Dialekt.

Der Mut von Markus Ramseier und Wolfgang Bortlik, die den Abend zusammengestellt hatten, hat sich gelohnt. Das (sehr zahlreiche aber wider Erwarten nicht unbedingt junge) Publikum ließ sich begeistern.  (Rolf Spriessler, RZ, 24. 5. 13)

Gabriele Markus (25. April, Kellertheater, Einführung Katja Fusek) liest einige Gedichte und stellt dann ihr 2012 bei Isele erschienenes Buch "Zugvögel wir legen uns auf den Wind. Eine Kindheit" vor. Darin erzählt sie mit grosser Sensibilität und manchmal auch mit befreiendem Humor von der schwierigen Kindheit einer Tochter deutsch-jüdischer Emigranten in einem Dorf bei Bern. G. Markus versteht es, geschickt ausgewählte Episoden locker miteinander zu verbinden und sprachlich überzeugend zu gestalten.

Gabriele Markus führte das faszinierte Publikum halb lesend, halb erzählend, durch ihre wieder belebte Kindheit und weckte die Neugier auf ein Buch voll sprachlicher Poesie, ungewohnter Perspektiven, beklemmender Momente, Neugier und Freude. (Rolf Spriessler, RZ, 3. 5. 13)

Leo Tuor (9. April, Kellertheater, Einführung Edith Lohner – Kaleidoskop) stellt sein kürzlich in einer zweisprachigen Ausgabe neu erschienenes Buch "Giacumbert Nau" vor. Die Titelfigur lebt – wie der Autor während 14 Jahren – den Sommer über als Hirt einer grossen Schafherde auf der Greina-Hochebene. Seinen Hund und seine Katze liebt er, die ihm anvertrauten Tiere betrachtet er sachlich, den Menschen und ihrem Verhalten widmet er bissige Bemerkungen. Tuor liest in einer gekonnten Mischung von Deutsch und Rätoromanisch vor erfreulich grossem Publikum.

Leo Tuor ließ die derbe und doch so poetische Sprache seines Buches wirken …ein anregender, spannender und in bestem Sinn nachdenklich stimmender Abend.  (Rolf Spriessler, RZ, 12. 4. 13)

Verena Stössinger (7. März, Kellertheater, Einführung Valentin Herzog) liest aus ihrem neuen Roman "Bäume fliehen nicht", einem dichten, verhaltenen Buch über die Stationen einer Reise, die der bekannte Schauspieler Jürgen Stössinger nach Polen und Königsberg (Kaliningrad), also ins einstige Ostpreussen, unternimmt, um Spuren seiner schwer belasteten, weitgehend verdrängten Kindheit zu finden.

Der Reiz dieser "Rückreise" liegt auch darin, dass Jürgens Gedanken und Empfindungen in denen seiner Frau gespiegelt werden … Dieses Ineinander von Nähe und plötzlicher Ferne beschreibt Stössinger detailliert-sensibel, doch frei von … Sentimentalität.
(Nikolaus Cybinski, RZ, 15. 3. 13)

Erika Keil (31. Januar 2013, Kellertheater, Einführung: Wolfgang Bortlik) stellt ihren Roman "Durchatmen" vor, die lebhaft erzählte Geschichte der Begegnung der etwas naiven Kunsterzieherin Sophie mit der abgetakelten Trinkerin Manuela und deren beiden Kindern, der hilflosen elfjährigen Ilse und Ibrahim, der für sie ein "samtiger" junger Mann ist. Interessant auch die Kostprobe aus Keils demnächst erscheinendem Roman über Caroline Schlegel: "Wir sind Romantiker".

Keil liest aus "Durchatmen" vier Bruchstücke, die Lust auf mehr machen, dazwischen zupft Dodo Luther auf seiner Gitarre und gibt dem Publikum Gelegenheit, über das Gehörte nachzudenken.
(Rolf Spriessler, RZ, 8. 2. 13)


Rückschau 2012

Ursula Fricker (27. November 2012, Moderation Valentin Herzog). Ihr Roman "Ausser sich", der es bis auf die Shortlist zum Schweizer Buchpreis 2012 geschafft hat, ist eine packende Leseerfahrung. Die Autorin versteht es, mit ihrer virtuosen Erzähltechnik eine Figur zu schaffen, die einen nicht so schnell loslässt: Die Architektin Katja kämpft bis zum Äussersten um die Liebe zu ihrem durch eine Hirnblutung aufs schwerste behinderten Mann – und gegen die Versuchung: "Zur Tür hinausgehen, zuschliessen, weglaufen. Ihn da drinnen sich selbst überlassen."
"Ausser sich" ist schwerer Stoff. Und doch mit Leichtigkeit geschrieben … Ein grosser Wurf. Präsentiert an einem ARENA-Abend, der nicht nur Lesung war, sondern eine Begegnung. (Rolf Spriessler, RZ 30. 11. 2012)

Rolf Lappert (7. November 2012. Einführung Wolfgang Bortlik). Der Roman "Pampa Blues" spielt nicht in der Pampa, sondern nirgendwo in einem nordostdeutsche Kaff, wo Ich-Erzähler Ben seinen Grossvater pflegt und sich in die angeblich wegen eines angeblich vom Dorfwirt beobachteten Ufos angereiste "Journalistin" Lena verliebt. Lappert liest geschickt gewählte Ausschnitte  aus dem mit viel Witz und Ironie geschriebenen, zweifellos in der Salinger-Tradition stehenden Buch, das ursprünglich als Drehbuch konzipiert war, dann nach Scheitern des Filmprojekts umgearbeitet und auf die Ich-Perspektive eines 16jährigen fokussiert wurde. Und Lappert liest gut, gestaltet sorgfältig und mit natürlichem Charme. Erfreulich viele junge Zuhörer.
Mit einem Flair für skurril-komische Situationen und schräge Charaktere schildert Rolf Lappert, wie sich das Leben im trostlosen Kaff abspielt … (Rolf Spriessler, RZ 16. 11. 2012)

Guy Krneta und Michael Pfeuti (25. Oktober 2012 im Kaleidoskop, Einführung Edith Lohner). Beruht die Wirkung der Texte von Guy Krneta auf ihrer atemlos schnellen berndeutschen Sprachmelodie, ihrer manchmal sehr listigen Situationskomik oder dem klugen Abbrechen im entscheidenden Moment? Die Geschichte von den zwei Selbstmördern auf der hohen Brücke etwa endet damit, dass der eine springt, nachdem er dem anderen die Verantwortung für seine Frau und sein weiteres Leben übergeben hat. Was wird er damit anfangen? Michael Pfeuti begleitet Krnetas Lesung sehr sensibel mit teils improvisierten, teils auskomponierten (Tim Löffler) Klangfolgen seines Instruments, eines "Bassetto", eines kleinen, fast celloähnlichen Kontrabasses.
"Zirkussymphonie" … ist eine verschachtelte Liebesgeschichte, hinter der mehr steckt als nur die Begegnung zwischen zwei Menschen. Also eigentlich ganz so wie der Auftritt von Guy Krneta und Michael Pfeuti. (Toprak Yerguz, RZ 2. 11. 12)

Thomas Meyer (13. September 2012. Einführung: Valentin Herzog) stellt seinen bereits für den Schweizer Buchpreis nominierten Erstlingsroman "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse" vor. Das mit vielen jiddischen Sprachelementen arbeitende Buch erzählz mit abgründigem Humor vom Ausbruch des jungen Mordechai Wolkenbruch aus dem Milieu der orthodoxen Judengemeinde in Zürich, wo die Mütter regieren, die Männer schwarze Anzüge, Schläfenlocken und Käppchen tragen. Wenn er sich in eine nichtjüdische Kommilitonin – eben eine "Schickse" – verliebt, sich rasiert, modische Kleider anzieht, wird er für "verloren" erklärt und acht Tage lang wie ein Verstorbener betrauert.

Thomas Meyer erzählt in einem charmant ironisierenden Ton, wechselt zwischen Schriftsprache und häuslichem Jiddisch, wodurch die "wunderliche Reise" zur unbeschwert unterhaltsamen Lektüre wird. (Nikolaus Cybinski, RZ 21. 9. 12)

Expressionismus & Dada (23. August 2012; eine ironische Blütenlese von und mit Wolfgang Bortlik, bildlich unterstützt von Lea Meier). Wolfgang Bortlik, seit der Schulzeit ein Kenner und Liebhaber der expressionistischen Dichtung und ihres illegitimen Sohnes Dada, hat für das diesjährige ARENA-Heft eine eigenwillige Auswahl von – jeweils durch eine Kurzbiographie und ein Portrait ergänzten – Texten aus den Jahren zwischen 1910 und 1930 zusammengestellt. Nicht das berühmt-berüchtigte "O Mensch"-Pathos hat es ihm angetan, sondern der manchmal verzweifelte Witz, mit dem die Dichter und Dichterinnen dieser Generation sich gegen die bürgerliche, von Profitgier und Nationalismus geprägte Gesellschaft auflehnen. Sieben dieser Autor/innen stellt er zur Saisoneröffnung jeweils mit einer kurzen, sehr persönlichen Würdigung, mehreren lyrischen Texten und reichem Illustrationsmaterial vor. Unter dem Titel "Finster wird der Himmelsklumpen" kamen so Alfred Lichtenstein, Jakob van Hoddis, Emmy Hennings, Ferdinand Hardekopf, Albert Ehrenstein, Franziska Stoecklin und Hans Arp in die ARENA.

Bortliks persönlicher Blick auf den literarischen Expressionismus hat tief beeindruckt. (Rolf Spriessler, RZ 31. 8. 12)

Sandra Hughes (7. Juni 2012, Einführung/Moderation Katja Fusek). Im lockeren Wechsel von Gespräch und Lesung präsentiert Sandra Hughes (den Namen hat sie von ihrem amerikanischen Vater, sie selbst ist in Luzern aufgewachsen) ihren neuen, dritten Roman: "Zimmer 307". Er schildert in enger Verflechtung der Ebenen das diesseitige wie das jenseitige Leben einer gewissen Felicitas, die auf Erden nach glücklicher Kindheit, unglücklicher Jugend einem genialisch tuenden Womanizer (Domenico) verfällt, sich seinetwegen die Pulsadern aufschneidet, im Fegefeuer ("Supervision F"), sich dort energisch zur Abteilungsleiterin hocharbeitet, um sich schliesslich an ihrem ungetreuen Lover zu rächen – oder ihm erneut zu verfallen. Hughes liest ihren pointenreichen, oft recht boshaften Text schnell und lebhaft und gibt auf die Fragen der Moderatorin wie des Publikums offenherzige Antworten.

Hughes hat eine ganz eigene Art zu erzählen: einfühlsam, witzig und immer wieder überraschend … Sie beschreibt ihre Figuren zwar schonungslos, aber ohne sich über sie lustig zu machen.
(Michèle Faller, RZ 15. 6. 12)

Peter Mathys (10. Mai 2012, Einführung Valentin Herzog). "Ein bisschen Steuern sparen – ja wer tät's nicht gerne." So denken jene drei vermögenden Basler, die Peter Mathys in seinem neuen Roman mit feiner Ironie porträtiert. Ihr Pech: Sie werden von einem windigen, seines Berufes und seiner Ehe überdrüssigen Beamten erpresst, laden Millionen auf dessen Konto in Liechtenstein ab, versuchen dann aber, ihr Geld zurückzubekommen. Zuletzt liegt eine Leiche in einem vornehmen Londoner Hotel. Mathys erzählt mit (scheinbar) leichter Hand, Sinn fürs treffende Detail und feinen poetischen Glanzlichtern.

Mathys geizt nicht mit Spitzen gegen die Klasse der gut situierten Akademiker wie gegen den Staat. … Er vermag Spannung wie Atmosphäre zu stiften.
(Siegfried Schibli, BaZ, 13. 4. 12)
Mathys liest den Anfang einer verstrickten Geschichte, die schon zu Beginn einige unerwartete Wendungen nimmt … fängt Stimmungen ein, zeichnet Charaktere einfühlsam und anschaulich nach.
(Rolf Spriessler, RZ 18. 5. 12)

Patrick Tschan (17. April 2012, Einführung Wolfgang Bortlik). "Keller fehlt ein Wort" ist die Geschichte eines Kommunikationsberaters, der eines Tages feststellen muss, dass er unter zunächst schleichender Aphasie leidet, immer mehr alltägliche Wörter verliert. Ein Schlaganfall macht ihn dann gänzlich zum stammelnden, nur noch unklare Laute formulierenden Opfer dieser Krankheit. Doch er nimmt den Kampf dagegen auf. Mit trockenem Humor und viel Phantasie findet Tschan Worte für den Verlust der Wörter.

Der Allschwiler Autor zog sein Publikum mit seiner Geschichte und seiner sympathischen Hauptfigur sogleich in seinen Bann …
(Michèle Faller, RZ 20. 4. 12)

Charles Lewinsky (27. März 2012, Einführung Wolfgang Bortlik). Der Autor hat das tragische Schicksal des jüdischen Schauspielers und Regisseurs Kurt Gerson (o. Gerron) als Vorlage für seinen grossen neuen Roman "Gerron" benützt, mit dem er in die Shortlist zum Schweizer Buchpereis 2011 kam. Gerson, der u. a. im "Blauen Engel" spielte, den Mackie Messer sang und zahlreiche unterhaltsame Filme drehte, floh nach der Machtübernahme nach Holland, wurde dort 1940 von der Gestapo verhaftet, 1943 nach Theresienstadt verbracht, wo er einen Propagandafilm über das gute Leben im KZ drehen muss. Im Oktober 1944 wird er in Auschwitz ermordet.

Lewinskys Text packt. Sein Vortrag fasziniert. Man sieht Kurt Gerron geradezu vor sich sitzen, wie er mit sich ringt – und denkt nach über eine furchtbare Zeit …
(Rolf Spriessler, RZ 30. 3. 12)

Lukas Hartmann (13. März 2012, Einführung: Valentin Herzog) Der zu den wichtigsten Hausautoren der ARENA gehörende Autor stellt seinen brandneuen Roman "Räuberleben" vor.
"Räuberleben" spielt gegen Ende des 18. Jahrhunderts und zeigt einen wenig bekannten Ausschnitt aus der sozialen Realität jener Zeit, nämlich das Dasein gesellschaftlich geächteter Gruppen (Jenische, Zigeuner, Landstreicher), die nur dank krimineller Aktivitäten überleben können, zugleich aber gnadenlos von den Behörden gejagt und bestraft werden. Differenziert zeichnet der Autor die Wurzeln des modernen Polizeistaates – und des rassistischen Wahnsinns. 
Eine angeregte Diskussion folgte der wie immer hervorragend gestalteten Lesung.

Mit "Räuberleben" beweist Hartmann ein weiteres Mal sein Flair für historische Romane … [und] legt ein weiteres wichtiges Buch vor. (Rolf Spriessler, RZ. 16. 3. 2012)

Katja Fusek und Valentin Herzog (14. Februar 2012, Einführung Markus Ramseier). Das seit fast zehn Jahren zusammen arbeitende Autorenpaar stellt seinen ersten in Gemeinschaftsarbeit geschriebenen, kürzlich im OSL Verlag erschienenen Roman vor: "Mare blu. Eine Liebesgeschichte mit Homer". Gelesen werden kurze Passagen aus der im heutigen Sizilien spielenden Rahmengeschichte und zwei längere Episoden, die den antiken Sagenstoff modern variieren: Odysseus' Reise zu den Pforten der Unterwelt und Penelopes Rendezvous mit einem ungemein attraktiven Fremden.
Ein bemerkenswertes Experiment … Den beiden Autoren gelingt es in überzeugender Weise, eine klassische Sage (Homers "Odyssee") mit aktuellen Beziehungsfragen und gesellschaftspolitischen Themen zu verknüpfen.“ (Markus Ramseier)

Der Text packte auch in vorgelesener Form, und so ist es folgerichtig, dass Herzog und Fusek über eine Hörspielfassung nachdenken.  (Rolf Spriessler, RZ 17. 2. 2012)

Markus Manfred Jung (19. Januar 2012 im Kaleidoskop. Einführung Edith Lohner). Der bekannte, im Wiesental lebende Mundartautor liest zuerst Gedichte aus dem kürzlich erschienenen Lyrikband "verfranslet diini flügel", Texte, die grossenteils dem "Quaag", dem Raben gewidmet sind, ferner Gedichte aus "Am gääche rank" und satirische Prosa aus dem Band "Verruckt kommod". So taucht das Publikum der gut besuchten Veranstaltung genussvoll in die Klang- und Wortwelt des uns so nahen und doch vom Baseldeutsch klar sich unterscheidenden Wiesentäler Dialekts ein.

Liebenswerte und doch kritische Alltagsgeschichten waren es, die die Lesung abschlossen, immer wieder aufgelockert durch spanische Rhythmen und Melodien, die Sabine Ging-Jung, eine ausgewiesene Konzertgitarristin beisteuerte.
(Rolf Spriessler, RZ 27. 1. 2012)


Rückschau 2011

René Regenass (29. November, Einführung Valentin Herzog) liest drei Texte aus seinem kürzlich im OSL Verlag erschienenen Erzählband "Eine Hand voll Zeit", in denen es meist um verstörende Begegnungen mit Aussenseitern oder vom Schicksal gezeichneten Personen geht – so etwa in "Das Gespräch", worin ein nicht näher beschriebener Erzähler an einer rein fiktiven Auseinandersetzung mit der geliebten, vorübergehend in New York studierenden Frau zerbricht. Darüber hinaus gab der Autor einen spannenden Einblick in sein neues work in progress, einen Roman (Arbeitstitel Die Visitenkarte), dessen Hauptfigur sich am Grab seiner Ex-Frau die Geschichte seiner Beziehung zu ihr vergegenwärtigt.
Es sind schöne, aber auch melancholische Texte, Geschichten, die eigene Erinnerungen wachrufen und über eigene Erlebnisse nachdenken lassen. Unspektakulär und doch so viel sagend, schnörkellos und doch sehr einfühlsam und anschaulich erzählt. Traurig, und doch wieder zum Schmunzeln.
(Rolf Spriessler, RZ 2. 12. 11)


Catalin Dorian Florescu (8. November 2011, Einführung Katja Fusek) liest aus seinen beiden jüngsten Romanen "Zaira" und "Jacob beschliesst zu lieben". Für dieses Werk wird ihm wenige Tage später der Schweizerische Buchpreis verliehen. Die packende, teils in Lothringen, vorwiegend aber im rumänischen Banat spielende Familiensaga berichtet von den Anfängen und vom vorläufigen Ende der Familie Obertin. Im Mittelpunkt steht Jacob, der letzte Spross des Geschlechts, ein schwächliches Kind, das vom Vater verachtet, enterbt und zweimal schändlich verraten wird, mit der Zeit aber er ungeahnte Kräfte des Widerstands – und der Liebe entwickelt. Florescu las die Beschreibung seiner grotesken Geburt – und eine entsprechende Passage aus "Zaira".
Florescu gelingt es, menschliche Schicksale innerhalb historischer Zusammenhänge und in einer detailreich und stimmig beschriebenen Umgebung zu erzählen. (Rolf Spriessler, RZ 11. 11. 11)

Corinne Maiocchi und Heidrun Graf (25. Oktober 2011, Einführung Elke Müller). "Chemo, Holzbein und sonst viel Leben" lautet der Titel von Maiocchis schmalem, stark autobiographisch gefärbtem Roman, der unsentimental und doch sehr berührend von ihren Erfahrungen als alleinerziehende Mutter eines krebskranken, schliesslich aber doch wieder gesund werdenden Jungen berichtet. Die Autorin las den Anfang ihres Buches. In denkbar grossem Gegensatz dazu steht Heidrun Grafs "Einfach so – eine Choreographie". Der zwischen verschiedenen Ebenen oszillierend Roman über eine schwierige Frauenfreundschaft und die noch grösseren Schwierigkeiten des Schreibens überzeugt durch die knappe Erzählweise und die Präzision der Beobachtungen.
Heidrun Graf spielt mit Möglichkeiten und gibt Einblick in die Gedankenwelt einer älteren Generation.
(Rolf Spriessler, RZ 28. 10. 2011)

Jens Steiner (25. September 2011, Einführung Wolfgang Bortlik) liest aus seinem Romanerstling "Hasenleben", der Geschichte einer unstet durchs Leben irrenden Frau und ihrer ebenso rastlosen Tochter, die bei allem Protest gegen die Mutter zuletzt doch deren Lebensprinzip übernimmt: "Weggehen." "Hasenleben ist kein heiteres, aber ein sehr intensives, dichtes und sprachlich ausserordentlich überzeugendes Buch, das es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.
Aufhorchen lässt an "Hasenleben" auch die schöne und neu anmutende Sprache. Immer wieder tauchen Wortschöpfungen und Metaphern auf, die trotz ihrer Originalität … ganz selbstverständlich daherkommen. Während der Fragerunde kam die Begeisterung des ARENA-Publikums voll zum Ausdruck.
(Michèle Faller, Riehener Zeitung 30. 9. 2011)

Valentin Herzog (6. September 2011, Einführung Katja Fusek) stellt seinen eben erschienenen ersten Roman "Das geraubte Gesicht" einem ungewöhnlich zahlreichen und sehr freundlichen Publikum vor. "Herzog … verbindet Fiktion mit sorgfältigen historischen Recherchen und persönlichen Erfahrungen aus dem Alltag in Etrurien. (Katja Fusek)
Mit grosser Lust las Valentin Herzog aus seinem Roman vor. Er zog das Publikum in seinen Bann. […] Er erzählt witzig, kenntnisreich, charakterisiert die Personen mit viel Liebe zum Detail und baut die Spannung auf. Ein Roman voller Geheimnisse und Geschichten.
(Rolf Spriessler, RZ 9. 9. 2011)


Pedro Lenz
(22. Juni 2011, Einführung Wolfgang Bortlik)
Lenz liest im Rahmen des Kaleidoskop aus seinem Erfolgsroman "Der Goalie bin ig". Ein echter Unglücksrabe ist dieser Ich-Erzähler, der übrigens nie wirklich "Goalie" (Torhüter beim Fussball) war: Nach einer Gefängnisstrafe, die er sich mit einer Drogen-Dummheit eingehandelt hat, findet er zwar in seinem Heimatort Wohnung und Arbeit, aber sonst macht er mit seinem aufbrausenden Temperament so ungefähr alles falsch, was man falsch machen kann – in der Liebe, beim Polizeiverhör, im Verkehr mit Freunden … Lenz trug seinen Mundarttext mit seinen atemberaubenden Sprechbögen, seinen Temposteigerungen, aber auch seinen stillen, nachdenklichen Momenten so vor, dass aus der Lesung eine regelrechte, vom zahlreichen Publikum intensiv genossene Performance wurde. Selten begegnet man Texten, bei denen die literarische Verwendung des Dialekts derart überzeugt.

KRIMINACHT RIEHEN Im Rahmen der "Mordstage 2011"
(24. Mai 2011 im Lüschersaal, Einführung Paul Ott):
Im Rahmen der an verschiedenen Orten der Schweiz und des Auslands stattfindenden Lesungen von jeweils lokal verankerten Kriminalgeschichten ("Mordstage 2011) las zunächst Hansjörg Schneider einige Passagen aus seinem in Basel spielenden Kriminalroman "Hunkeler und die Augen des Ödipus", einer nachdenklichen Geschichte, in der es auch um das Älterwerden und die Pensionierung des beliebten Roman-Kommissars geht. Brisanter und spannender ist Wolfgang Bortliks in Riehen angesiedelte, speziell für die neue "Mordstage"-Anthologie ("Ausfahrt Zürich Mord") Story "Der Dreiecksmörder" geraten. Alltag, Kriminalistik und ein bisschen Legende verbinden sich hier zu einem Text mit allerhand Biss.
"Wahnsinnig realistisch mag die Geschichte nicht sein, ihr Korsett hingegen schon und ihr Witz macht sie lesenswert.
(Rolf Spriessler, RZ 27. 5. 2011)


Bernadette Conrad
(14. April 2011, Einführung Edith Lohner) stellt ihr eben erschienenes Buch über diese hierzulande noch zu entdeckende amerikanische Schriftstellerin Paula Fox vor: "Die vielen Leben der Paula Fox". Locker und ungezwungen spricht die Autorin über die Entstehung ihres Buches, liest dann Passagen, die von ihrer ersten Begegnung mit der 88-jährigen Amerikanerin handeln, von ihren Recherchen über Fox' Kindheit im Waisenhaus und bei einem Pflegevater und über das Verhältnis zwischen ihr und ihrer eigenen Tochter, die sie seinerzeit zur Adoption hat freigeben müssen.
Eine Würdigung von Leben und Werk der Paula Fox. Bernadette Conrad erzählt … einen ungemein spannenden Lebensbericht, der Lust macht auf eine Autorin, die viel erlebt und viel zu sagen hat. (Rolf Spriessler, RZ 21. 4. 2011)

Alain Claude Sulzer
(29. März 2011, Einführung Wolfgang Bortlik)stellt seinen neuen Roman vor, der unter dem Titel "Zur falschen Zeit" die Geschichte einer Liebe erzählt, der zwei junge Männer verfallen. Diese Liebe ist stärker als alle gesellschaftlichen Vorurteile, sie fegt Schuldgefühle und Vorsätze hinweg, öffnet den Weg zu ungekanntem Glück – und führt in die Katastrophe.
Sulzers Erzählstil fesselt und macht Lust auf mehr. Es ist ein gelungener, leiser und leicht melancholischer Abend. Ein Abend, der nachdenken lässt.
(Rolf Spriessler, RZ 1. 4. 2011)

Hilda Jauslin
(15. Februar 2011, Einführung Edith Lohner) liest "Baaseldütschi Gidicht und Gschichte" aus ihrem neuen Band "Am Ryy". Die Autorin schreibt nicht mit verbissenem Ernst, sondern mit ansteckender Lust an Wort- und Klangspielen, an Experimenten aller Art. Es ist ein heiterer und gut besuchter KALEIDOSKOP-Abend.
Die Basler Mundart fliesst genau so natürlich und selbstverständlich durch Jauslins Geschichten und Gedichte wie der Rhein durch Basel
. (Markus Ramseier)

Raoul Schrott
(18. Januar 2011, Einführung Valentin Herzog) entwickelt im voll besetzten Lüschersaal temperament- und humorvoll seine unkonventionellen, für manchen Altphilologen provokanten Überlegungen, denen zufolge Homer kein jonischer Grieche, sondern ein Kilikier, ein Schriftgelehrter im Dienst Assurbanipals gewesen sei und für seine eindeutig in Kilikien spielende Dichtung assyrische Quellen (u. a. "Gilgamesch") benützt habe. Anschliessend las er den ersten Gesang seiner in modern-heftiger Sprache abgefassten Ilias-Übersetzung – eine grossartige, dramatische Performance. Begeisterter Applaus, grosser Andrang am Büchertisch, nur positive Reaktionen des Publikums.
Es geht dem Dichter Schrott vor allem um den Spass, den er mit den alten Geschichten hat und um ihre brachial-poetische Übertragung in ein rohes Jetzt.
(
Claudia Gabler, Badische Zeitung, 20. 1. 2011)
Raoul Schrott faszinierte das Publikum mit seinem Text und dem brillanten Vortrag. Man sah die Charaktere vor sich, wie sie miteinander stritten, sich versöhnten, neue Intrigen spannen …
(
Rolf Spriessler, RZ, 21. 1. 2011)

Rückschau 2010

Otto Zumoberhaus ( 23. November, Kellertheater, Einführung Edith Lohner), der Autor des grossartigen Familienepos "Am Schattenberg" (in der ARENA am 10. März dieses Jahres)  führt das Publikum des Kaleidoskops in der ARENA in die Welt seiner heimatlichen Sprache ein. Mit Erzählungen, Gedichten, Limericks und klugen Exkursen machte er seine Zuhörerschaft auf die klanglichen Reize und vor allem auch auf den unglaublichen Variantenreichtum seines  Heimatdialekts aufmerksam, den die Walliser selber als "Schlächt-Ditsch" (im Gegensatz zum "Guet-Ditsch", der Schriftsprache) bezeichnen. An die Lesung schlossen sich beim Apéro im Foyer des Kellertheaters lebhafte Diskussionen und Gespräche an.

Ingeborg Kaiser (11. November im Kellertheater) feiert mit der ARENA ihren 80. Geburtstag. Im Gespräch mit Valentin Herzog werden wichtige Stationen ihres Lebens und ihres literarischen Schaffens angesprochen und durch kurze Textpassagen illustriert. Dann liest die Autorin, immer wieder von Fragen oder Anmerkungen des Moderators unterbrochen, Lyrik und Prosa aus dem zu ihrem Jubiläum im OSL Verlag erschienenen Band "gegen abend oder später".
In dieser empfindsamen und souveränen Verknappung der Sprache glückt Ingeborg Kaiser eine bewundernswerte Konzentration des Gesagten. Das zu lesen wird zum ernsten Vergnügen.
(Nikolaus Cybinski, RZ, 19. 11. 2010)

"Marienglas" (Dorfkirche Riehen, 31. Oktober, Gemeinschaftsprojekt mit Kunst in Riehen) – konzertante Aufführung der Kammeroper von Beat Gysin nach Franz Kafkas Roman "Das Schloss". Musikalische Leitung Jürg Henneberger. Im anschliessenden von Valentin Herzog moderierten Gespräch mit dem Komponisten und dem Philosophen Hans Saner werden wichtige Elemente des musikalisch-philosophischen Konzepts deutlich gemacht, das dieses avantgardistische Werk geprägt hat.
Der Musik von Gysin sind sechs Textausschnitte aus dem Romanfragment zugrunde gelegt. Natürlich machen sie nur einen sehr kleinen Teil der kafkaschen Prosa aus. Erkennbar wurde gleichwohl der Gehalt dieser genialen Parabel, die den völlig aussichtslosen Kampf eines einzelnen Menschen gegen welches gesellschaftliche System auch immer schildert … der Einzelne und der Totalitarismus.      
(Paul Schorno, RZ, 5. 11. 2010)

Lea Gottheil ("Sommervogel"), Julia Blesken ("Ich bin ein Rudel Wölfe") und Julia Gäbel ("Pitys Blues") sind die Finalistinnen im Wettbewerb um den Hirzen Buchpreis 2010 (12. September im Hirzenpavillon), der von der ARENA durch Ausrichtung zweier Anerkennungspreise, durch Werbemassnahmen und durch die Delegation ihres Präsidenten in die Jury mit getragen wurde. Der Preis wird im Rahmen eines aufwendigen, aber nach unserer Meinung eher missglückten Events an Lea Gottheil (Gast der ARENA am 19. 1. dieses Jahres) verliehen. Die ARENA wird sich künftig nicht mehr an der Vergabe dieses Preises beteiligen.

Johann Peter Hebel (26. August im Kellertheater). Zur Saisoneröffnung und zum zwanzigjährigen Jubiläum des Kaleidoskops liest Urs Allemann zwei der grossen alemannischen Gedichte und eine Anzahl wenig bekannter Texte aus den Kalendergeschichten, wobei es ihm darum geht, J. P. Hebel in seinem 250. Geburtsjahr als genialen Spieler zu zeigen und auch seine Affinität zu Grausamkeit und Gewalt nicht zu verschweigen. Er belegt seine These, derzufolge "das Spiel die Gewaltphantasien poetisch handhabbar" mache, mit klug gewählten Texten, die die zahlreichen Zuhörer konsequent auf die apokalyptischen Visionen des Gedichtes über die "Vergänglichkeit" ("Gespräch auf der Strasse nach Basel zwischen Steinen und Brombach") vorbereiteten.Anschliessend werden das Kaleidoskop und Edith Lohner mit einem reichen Apéro gefeiert.
So ist Hebel lange nicht gelesen worden. (Claudia Gabler, Badische Zeitung, 30. 8. 2010)

Brabara Traber (8. Juni, Kellertheater, Einführung Edith Lohner) liest kürzere und – auszugsweise – längere Geschichten, die zwar in berndeutscher Mundart verfasst sind, vorwiegend aber von weiten Reisen und fremden Ländern sprechen. Zwischendurch reflektiert die Autorin über das Verhältnis, das sie als Schreibende zu Mundart und Schriftsprache hat. Beide Sprachebenen beherrscht sie, der Dialekt aber liegt ihr eindeutig mehr am Herzen. Der Titel ihrer jüngsten Publikation "Geng no unterwägs" beweist es.
Es wird einem warm ums Herz. Und man fühlt sich verstanden.    (Rolf Spriessler, RZ, 18. 6. 2010)

Markus Ramseier (11. Mai, Kellertheater, Einführung Katja Fusek) liest aus seinem neuen Erzählband "Licht" kurze, z. T. sehr kurze Texte, deren Funktion es ist, eine bestimmte Person, meist einen Aussenseiter, einen gesellschaftlich benachteiligten Menschen so lange zu fokussieren, bis in seiner Erscheinung, seinem Verhalten, seinen Äusserungen bemerkenswerte Züge dieser einen Existenz erkennbar werden. Das kann wenige Zeilen beanspruchen, aber auch einige Seiten. Klug gesetzte Kommentare öffneten der konzentrierten Zuhörerschaft den Zugang zu diesen nicht immer ganz leichten Texten.
Ja das Lügen ist Ramseiers Ding nicht. Und so redet er viel um seine Geschichten, nennt die Beobachtungen und Erfahrungen, die hinter den Texten stehen … will sich einen Weg bahnen zum Publikum – dabei hat er es längst eingefangen mit seinen winzigen Lichtspots … und seiner entwaffnenden Offenheit.
(Claudia Gabler, Badische Zeitung, 15. Mai 2010)

Wolfgang Bortlik (20. April, Kellertheater, Einführung Rosmarie Schürch und Elke Müller) liest aus seinem satirisch-sarkastischen Kriminalroman "Fischer hat Durst" geschickt ausgewählte Passagen, die ein plastisches Bild des an allen Fronten gescheiterten Literaten Fischer zeichnen, böse Seitenhiebe auf den Kulturbetrieb einer ungenannten Stadt am Rheinknie erlauben und dem Autor Gelegenheit geben, einige der 60erjahre-Songs aus dem musikalischen Fundus seines Helden mit seiner ausdrucksvoll gestaltenden Stimme und der Gitarrenbegleitung seines Freundes Gogo Frei vorzutragen.
Der Roman ist ein gewitztes, vielschichtiges, unterhaltsames und eigenen Regeln folgendes Spiel mit dem Genre des Krimis. Und dies in einer eigenwilligen und lebhaften Sprache, die er einsetzt, um keck augenzwinkernd um klug zu frotzeln, zu kritisieren … Viel Applaus.
(Paul Schorno, RZ 23. 4. 2010)

Otto Zumoberhaus (10. März, Kellertheater, Moderation Valentin Herzog) liest aus seinem Erstlingsroman "Am Schattenberg", einer sprachmächtigen, meisterhaft komponierten Familien-, Dorf- und Sozialgeschichte aus dem Oberwallis. deren figurenreiche, streng miteinander verhaftete Episoden um die Zentralfigur eines gewissen Christian Zenthelen (1830-1928) gruppiert sind. Im Gespräch gab der Autor Aufschluss über seine Quellen, über das Verhältnis von Realität und Fiktion, über seine Erfahrung mit dem Lektorat und verschiedenen Verlagen. In der Presse wird Zumoberhaus verschiedentlich als "Gotthelfs katholischer Enkel aus dem Wallis" bezeichnet.

Lese '10 (28. Januar, Kellertheater) Regula Düggelin, Leiterin des Fachausschusses Literatur BS/BL, begrüsst fünf Autorinnen und Autoren, die im vergangenen Jahr Förderbeiträge für ihre Arbeit erhalten haben, nämlich: Wolfgang Bortlik für "Fischer hat Durst", Irena Brežnà für "Auf der Sprachfähre", Martin K. Menzinger für "Spalten", Verena Stössinger für "Leben und Sterben lassen", Daniel Zahno für "Alle lieben Alexia". Die Autoren werden von Anne Schöfer und Jürg Seiberth vorgestellt und lesen jeweils ein Muster aus ihren Projekten. Bemerkenswert: Vier der fünf Autoren waren schon ein- oder mehrmals zu Gast in der ARENA.

Lea Gottheil (19. Januar, Kellertheater, Einführung Katja Fusek) liest aus ihrem faszinierendenb Erstlingsroman "Sommervogel", der das Leben einer Frau erzählt: Jugend in der Vorkriegs- und Kriegszeit in einem abgelegenen Dorf im Bündnerland, nach dem Tod des Vaters soll sie die Mutter betreuen, emanzipiert sich aber, findet in Zürich künstlerische Berufsmöglichkeiten und einen sehr liebevollen Mann, und dennoch misslingt ihr Leben irgendwie. Während einer langwierigen Krebsbehandlung erinnert sie sich an die früheren Stationen ihres Daseins.
Es dauerte nur Sekunden, bis Lea Gottheil die Herzen der zahlreichen Zuhörer ergriffen hatte (…) Szenen, die den Zuhörer Beeindrucken … Er will die Geschichte befreien, die sich unter einem Teppich des Verdrängens versteckt.
(Sandra Ziegler, RZ, 29. 1. 2010)

Rückschau 2009

Meta Fischer-Luchetta (24. November im Kellertheater, Kaleidoskop, Einführung Edith Lohner): Unter dem Motto "Z'Rieche – hüt und doozmool, Gschichte vo doo und döört" liest die seit 40 Jahren in Riehen lebende Autorin, seinerzeit Mitbegründerin des Kaleidoskops, Texte, die in freundlich besinnlicher Art von einer Kindheit in Riehen erzählen, von Eigenheiten des "Dorfes", von der Chrischona, aber auch von verschiedenen Reisen, von einem Essen in Paris, einer amüsanten Begegnung in Rom … Das in ungewöhnlich grosser Zahl erschienene Publikum dankt der Autorin mit lebhaftem Applaus.
Meta Fischer liess in ihren Geschichten längst vergangen geglaubte Zeiten wieder aufleben. Sie unterhielt mit Anekdoten über Riehen und Basel … Ein vergnüglicher Abend.
(Sandra Ziegler, RZ, 4. 12. 09)

Claudia Gabler (3. November im Kellertheater, Moderation Valentin Herzog). Die Lyrikerin, Hörsiel- und Theaterautorin Claudia Gabler arbeitet mit streng formulierten "Textflächen", mit überraschenden Brüchen und Monologen, die sich beim konzentrierten Zuhören nach und nach zu aufschlussreichen Dialogen verweben. Offen und locker spricht sie über ihre Arbeit, über die Schwierigkeiten mit Hörspielen, die ohne ihr Zutun in einem Studio realisiert werden und über die Möglichkeiten einer integrierten "Autorenproduktion".
Sie ist äusserst vielseitig und so teilte sich der jüngste Abend in der ARENA mit Claudia Gabler in zwei unterschiedliche, aber sich ergänzende Teile …
(Badische Zeitung, 7. 11. 09)
Claudia Gabler … dramatisiert das Leben in einer Weise, dass man darin aufschreckt.
(Sandra Ziegler, RZ, 13. 11. 09)

Urs Allemann (22. Oktober im Kellertheater): Horch, ein Schrank geht durch die Nacht (Kellertheater). 55 komische Gedichte aus der deutschen Literatur hat Urs Allemann für diesen genussreichen und perfekt gestalteten Abend eigens für die ARENA zusammengestellt, knapp und witzig kommentiert und einem ansehnlichen Publikum vorgeführt. Das Spektrum reicht vom Barock bis zur Gegenwart und umfasst Parodien, Satiren, Reim- und Wortspiele, reinen Humor und gekonnten Nonsense.
Sie sind ein Juwel der deutschsprachigen Lyrik, die Spott- und Unsinngedichte … Es war ein unterhaltsamer Abend, auch weil Urs Allemann ein guter Rezitator ist.
(Nikolaus Cybinski, RZ, 30. 10. 09)

Franco Supino (24. September im Kellertheater, Einführung Lea Meier): Unter dem Stichwort "Das andere Leben" präsentiert der Autor seinen biographischen Roman über Leben und Sterben des vergessenen Schweizer Dramatikers Caesar von Arx. Ein gut gestalteter, lebendig und intelligent gestalteter Abend.
Interessant für die Zuhörer der Lesung war vor allem die Dia-Show, während der der Autor die Originalschauplätze zeigte, an denen seine Geschichte spielt.
(Sandra Ziegler, RZ, 2. 10. 09)

Frank Wedekind (3. September, 20.00 Uhr im Kellertheater): Annäherung an einen unbequemen Autor. Eva Hilbck und Valentin Herzog entwerfen mit Texten, Briefen, Gedichten, Liedern, Erzählungen und einer Szene aus "Erdgeistgeist" ein facettenreiches Bild des ebenso vielseitigen wie schwierigen Autors. Musikalische Begleitung: Sylvia Herzog-Cherbuin.
Herrlich, wie Eva Hilbck in die Rolle der Lulu schlüpft und Valentin Herzog alias Dr. Schön mehr und mehr mit ihrer Körperlichkeit umschleicht, um ihn schliesslich hyänengleich zu überfallen. […] Mit tosendem Applaus bedankte sich der voll besetzte Theaterkeller … für einen höchst amüsanten, humorigen, frivolen, aber auch geistreichen Abend.
(Claudia Bötsch, Oberbadische Zeitung, 8. 9. 2009)

Zu dieser Saisoneröffnung erscheint das traditionelle ARENA Heft (Nr. 10) mit einem biographischen Essay über Wedekind von V. Herzog und dem üblichen Jahresbericht 2008

Judith Giovannelli-Blocher (12. Mai im Meierhof, Einführung und Moderation Kathrin Eckert) liest aus ihren letzten beiden Büchern "Das Glück der späten Jahre" und "Woran wir wachsen". Ihr Ziel ist es, das "negative Bild vom Alter aufzubrechen" und darzustellen, dass Alter zwar mancherlei Verzicht bedeutet – "Verzicht gehört zum Leben" – aber auch neue Erfahrungen und Einsichten bringt.
Zweihundertfünfzig mal schon hat Judith Giovannelli-Blocher landauf, landab aus ihrem Buch "Das Glück der späten Jahre" gelesen – und doch scheint sie dieser Auftritte kein bisschen müde geworden zu sein, im Gegenteil: Immer wieder geht ihr Temperament mit ihr durch.
(Anatol Ritter, RZ 22. 5. 09)

Ernst Burren (23. April im Kellertheater, Kaleidoskop, Einführung Edith Lohner) liest kurze Geschichten aus seinen letzten drei Büchern "Chrüzfahrt", "Blaui Blueme" und "Füürwärch". Es sind hintergründige Geschichten, die sich vergnüglich anhören, aber, wenn man zwischen den Zeilen liest, die Gedanken- und Gefühlswelt des Bünzlitums heftig kritisieren.
Es lohnt sich, Burrens Texte so genau unter die Lupe zu nehmen, dass die verborgenen Widerhaken sichtbar werden.
(Anatol Ritter, RZ 30. 4. 09)

Regina Ullmann ist auch der zweite Teil des Gemeinschaftsprojekts gewidmet: In einer szenisch perfekt arrangierten Textmontage unter dem Titel "Ich bin von anderm Holze, Gott weiss warum" vergegenwärtigen Pia Waibel, Graziella Rossi und Helmut Vogel am 31. März im Literaturhaus Basel das Leben der vergessenen Dichterin. Sie stützen sich dabei weitgehend auf den Roman von Eveline Hasler, den sie mit einigen Texten von Ullmann selber und von Charles Linsmayer ergänzen. Glücklicherweise gibt es kaum Überschneidungen mit der Lesung Hasler. Auch diese Veranstaltung ist sehr gut besucht.

Im Rahmen der alljährlichen Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Literaturhaus Basel liest Eveline Hasler (26. März, Einführung Elke Müller) aus ihrem Roman „Stein bedeutet Liebe“, in dem es um die folgenschwere Begegnung zwischen der scheuen Autorin Regina Ullmann und dem chaotischen Freud-Schüler Otto Gross geht. Eveline Hasler bringt dem zahlreich erschienenen Publikum die von neuen Ideen brodelnde Atmosphäre im Künstlerviertel Schwabing kurz vor dem ersten Weltkrieg auf eine sehr lebendige und lockere Art näher und gewährt einen spannenden Einblick in ihre Schreibwerkstatt.
Das Publikum war fasziniert von der "Elterrn-Kind-Geschichte", besonders von den Hintergrundinformationen, die die …[Autorin] in ihre Lesung einfliessen liess.
(Sandra Ziegler, RZ, 3. 4. 09)

Lukas Hartmann (10. März im Kellertheater, Einführung Valentin Herzog ) stellt seinen eben erschienenen Roman "Bis ans Ende der Meere" vor. Er zeichnet in der Lesung mit klug ausgewählten, durch sorgfältig gestaltete Zwischenbemerkungen verbundenen Textpassagen vor allem das Bild seiner Hauptfigur, des Malers John Webber, als offizieller Expeditionszeichner an James Cooks dritter Weltumsegelung (1776-80) teilnahm, das offizielle Bild der Expedition zu liefern hatte und sich nur in seinem (fiktiven) Tagebuch dagegen aufzulehnen wagte.
Hartmanns Textausschnitte und Erläuterungen bestimmter Zusammenhänge machen Lust auf mehr … 
(Rolf Spriessler. RZ, 20. 3. 09)

Irena Brežnà (12. Februar im Kellertheater, Einführung Katja Fusek) liest aus ihrem Roman "Die beste aller Welten", der die geselslchaftlichen Verhältnisse in der kommunistischen Tschechoslowakei Ausgang der 50er Jahre aus der Sicht eines Mädchens schildert, das lernen muss, dass man im Elternhaus, im Hof mit den Spielkameraden, in der Schule … jeweils eine ganz andere Sprache zu sprechen, an ganz andere Ideale zu glauben hat.
Irena Brežnàs Werk ist eine 'Ode an die Kraft, an die Phantasie'. In ihrem Buch ist über die Menschen … in der Tschechoslowakei zu lesen … Die Autorin spricht zu anderen, die ihr antworten.
(Sandra Ziegler, RZ, 20. 2. 09)

Rückschau 2008

ARENA-Salon (3. Dezember im Kellertheater, Moderation Katja Fusek). Ingeborg Kaiser und Valentin Herzog stellen an einer salonartig zwanglosen Veranstaltung ihre neuen Bücher gegenseitig vor, lesen daraus und unterhalten sich über ihre literarische Arbeit: Kaisers Gedichte ("matou") sind einer Katze gewidmet, die zwanzig Jahre lang das Leben der Autorin begleitete. Herzogs Erzählungen ("Alifas Zeichen") setzen Eindrücke und Beobachtungen literarisch um, die er während langer Aufenthalte in Marokko gesammelt hat. Die etwas improvisierte und nicht sehr glücklich terminierte Veranstaltung ist ordentlich besucht.

Gabrielle Alioth (27. November im Kellertheater, Einführung: Rosmarie Schürch) stellt ihren neuen Roman "Die Braut aus Byzanz" vor. Alioth erzählt von der byzantinischen Prinzessin Theophanu, die im Jahr 972 als künftige Gattin Kaiser Ottos II. nach Westen geschickt wird, am noch reichlich barbarischen, ständig herumziehenden Kaiserhof einen schweren Kulturschock erlebt, sich aber trotzdem klug, mutig und energisch gegen Vorurteile und Feinde zu behaupten vermag. Die Autorin informierte sehr konzentriert über Genese und Konzept des Buches und las eindrucksvolle Textpassagen. (Guter Besuch.)

Richard Ehrensperger(6. November im Kellertheater, Kaleidoskop, Einführung Edith Lohner) liest "Züritüütschi Täggscht", darunter auch einige Sonette zu (projizierten) Bildern aus seinen Skizzenbüchern. Die Texte des ehemaligen Primarlehrers sind meist autobiographisch gefärbt und fangen gewisse Szenen aus dem dörflichen Alltag ein, bald humorvoll, bald beklemmend wie die Erinnerungen an die Begegnung mit russischen Internierten während des letzten Weltkriegs. Umrahmt wird die Lesung vom intensiven Harfenspiel der Vorarlbergerin Veronika Ehrensperger, die auch Elemente der Volksmusik und des Jazz in ihre Musik integriert und so einen spannungsreichen Rahmen, teilweise auch dichte Hintergründe für Ehrenspergers Erzählungen und Gedichte schafft.

Jiddische Liebeslieder (22. September im Kellertheater – Organisation Lea Meier): Prof. Astrid Starck gibt eine knappe Einführung in das Wesen des jiddischen Volkslieds und seine Stellung innerhalb der jiddischen Kultur; dann trägt der Chor ihrer Studenten mit spürbarer Begeisterung zehn Liebeslieder vor, deren Inhalte dem Publikum jeweils von dem so locker wie präzis agierenden Sprecher Harald Weber in einem virtuosen Gemisch aus Jiddisch und Schriftdeutsch vermittelt worden sind. Susanne-Louise Ganzoni (Akkordeon), Kaspar Wildberger (Klarinette) und drei Violinen begleiten und stützen den Gesang. Das Publikum, das das Kellertheater buchstäblich bis zum allerletzten Platz gefüllt hat, klatscht anhaltenden Beifall.

ARENA-Lyrikpreis ( 7. September 2008, im vollbesetzten Lüschersaal – Moderation Valentin Herzog, Organisation Urs Allemann): Endrunde des Wettbewerbs um den ARENA-Lyrikpreis. Die aus Urs Allemann, Wolfgang Bortlik, Rudolf Bussmann, Ingeborg Kaiser, Birgit Kempker und Kathy Zarnegin) bestehende Fach-Jury hatte aus über hundert anonymisierten Einsendungen neun Lyrikerinnen und Lyriker für dieses öffentliche Wettlesen ausgewählt: Andrea Graf, Joanna Lisiak, "Satz & Pfeffer" (= Judith Stadlin und Michael van Orsouw), Andreas Saurer, Monika Schnyder, Michael Stauffer, Markus Stegmann und Brigitte Tobler. Nach jedem einzelnen Auftritt wurden die Texte von allen Jurymitgliedern in kritischen Statements gewürdigt. Nach rund zwei Stunden schritten Jury und Publikum zur Abstimmung über die zu vergebenden (von der Stiftung homo ludens, dem Fachausschuss Literatur BS-BL und der Gemeinde Riehen gestifteten) Preise.
Der erste Preis der Jury (Fr. 1000.-) und der Preis des Publikums (Fr. 600.-) gingen an Michael Stauffer für den langen lyrischen Text "Der Gehilfe geht". Der zweite Preis der Jury (Fr. 600.-) ging an Andrea Graf für ihre perfekt vorgetragenen Lautgedichte. Der dritte Jurypreis (Fr. 300.-) ging an Markus Stegmann.
Nach Meinung des sachverständigen Publikums hätte Andreas Saurer einen zweiten und Brigitte Tobler einen dritten Preis verdient. Dass sie leer ausgingen hat seinen Grund darin, dass bei ARENA-Wettbewerben stets nur ein Publikumspreis vergeben wird.

Annemarie Schwarzenbach I (22. Mai im Kellertheater – ein Gemeinschaftsprojekt von ARENA und Literaturhaus). Margrit Manz und Valentin Herzog lesen die eben aus dem Nachlass erschienene Erzählung "Eine Frau zu sehen", die von verhaltener Erotik knisternde Geschichte einer Leidenschaft und zugleich das literarisch gestaltete Bekenntnis der Autorin zu ihrer lesbischen Veranlagung.

Annemarie Schwarzenbach II (23. Mai im Literaturhaus Basel – zweiter Teil des Gemeinschaftsprojekts): Alexandra Lavizzari präsentiert und diskutiert ihr eben erschienenes Buch über die leidenschaftliche Begegnung zwischen Schwarzenbach und Carson McCullers im New York des Jahres 1940.
Beide Veranstaltungen stossen erwartungsgemäss auf ein ungewöhnlich starkes Publikumsinteresse.

Ingeborg Kaiser (29. April im Kellertheater, Einführung: Valentin Herzog) liest zum ersten Mal öffentlich aus ihrem soeben im OSL Verlag erschienenen Roman "Alvas Gesichter", einem bestürzenden Dialog zwischen einer realen Erzählerin, die im Tessin Geschichten für ihren Enkel schreiben will, und der namenlosen Alkoholikerin, die sich mit ihren Bekenntnissen rücksichtslos in die eher beschauliche Existenz der Schriftstellerin drängt.
Alvas Gesichter holen die Schriftstellerin immer wieder ein … Es gibt kein Entrinnen.
Sabine Waelti, RZ,10. 5. 08
Ein reicher, reifer, kluger und sorgfältig schöner Text … Einer der viel vom Leben weiss und viel von der Sprache.
Verena Stössinger, bz, 29. 4. 08

Arnold Spescha und Mevina Puorger (8. April im Kellertheater – Kaleidoskop) lesen Gedichte aus Speschas eben erschienenem Band "Ei dat ils muments da pass lev – Zeiten leichtfüssigen Schritts" und diskutieren miteinander – und mit dem Publikum – über die Möglichkeiten des Rätoromanischen Schreibens und insbesondere auch über die Schwierigkeit, lyrischer Texte aus dem klangreichen Sursilvan (Speschas Sprache) in das so viel härtere, aber auch präzisere Deutsch zu übertragen. Bemerkenswert: Spescha fühlt sich immer wieder veranlasst, die deutschen Formulierungen, die seine Übersetzerin Puorger gefunden hat, gegen deren eigene Sprachskepsis zu verteidigen.

Joachim Ringelnatz (13. März im Kellertheater): Eva Hilbck und Valentin Herzog geben einen Überblick über die bewegte Biographie und einen Querschnitt durch das dem Dadaismus nehestehende lyrische Schaffen des vor 125 Jahren geborenen Dichters. Neben die autobiographischen Texte ("Mein Leben bis zum Kriege" und "Als Mariner im Krieg") treten die fulminant sprachspielerischen Gedichte ("Vom Seemann Kuttel Daddeldu", "Seemannstreue", "Das Terrbarium" u. v. a.), die meist in dramatisch inszeniertem Stimmwechsel vorgetragen werden. Das Publikum im bis zum letzten Platz besetzten Kellertheater dankt mit ungewöhnlich heftigem Applaus und grossen Komplimenten.
Ein unterhaltendes und anregendes literarisches Furioso.
Urs Grether, RZ, 20. 3. 08

Elisabeth Binder (29. Januar im Kellertheater, Einführung Valentin Herzog) las aus ihrem jüngsten Roman "Orfeo", der die Wiedeerbegegnung eines seit vierzig Jahren getrennten Paares vor dem Hintergrund der Lagunenstadt Venedig und mit mancherlei Bezügen zum antiken Orpheus-Mythos erzählt.
Faszniert vom antiken Mythos und seinen barocken Bearbeitungen, hat Binder auch die starke Beziehung von Orpheus zur Natur mit [gestaltet] … Bauer, die moderne Romanfigur … versucht sich als Dichter. Sein Paradies ist sein Garten
Magdalena Mühlemann, RZ, 1. 2. 08
Nicht nur die Geschichte wusste an diesem Abend zu bannen, sondern auch die eindringlich-sanfte Art, wie die Autorin las.
Roswitha Frey, Badische Zeitung, 1. 2. 08

Rückschau 2007

Christian Schmutz (30. Januar, Einführung Edith Lohner, Kaleidoskop) erläutert die Eigenheiten des "Senslerdeutschs", also des im deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg – im Sense-Bezirk – gesprochenen Dialekts, der nicht nur durch eigentümliche Wörter wie "Bärisou" (=Parasol, Regenschirm), sondern auch durch seine eigenwillige Lautung auffällt: "Gschicht" wird zu "Gschücht", "Baum" zu "Boom" usw. Ausserdem las er drei lokale Sagen und eine eigene Geschichte.
Mit viel Witz und Charme erzählte er, wie einige Jungs am Hang vor dem Haus ein Skirennen organisierten ind dabei um selber gebastelte Medaillen fuhren – "fascht wie am Lauberhorn".
Rolf Spriessler, RZ, 2. 2. 07

Urs Allemann (15. Februar 2007) Robert Walser – Urs Allemann (15. Februar): Für diese Lesung unter dem Motto "Der ungeliebte Verslimacher" hat der Lyriker, Kritiker und Rezitator Urs Allemann rund dreissig der un- und verkannten Gedichte Robert Walsers ausgewählt, kommentiert und wunderbar vorgetragen, so dass ein ganz neues Bild eines eigenwilligen, widerborstigen, freiwillig komischen und stark von Dada beeinflussten Dichters entstand und sich den erfreulich zahlreichen Zuhörern unvergesslich einprägte.
Als bewährter Vorkoster namentlich von experimenteller Poesie kann Urs Allemann poltern, dass es eine Lust ist … Im Kellertheater aber nahm er sich ungemein zurück; er las die Reimketten Walsers geradezu leise. Als ob er sie hätte verstecken wollen, weil sie so kostbar, so zerbrechlich sind …
Urs Grether, RZ 23. 2. 07

Lukas Hartmann (6. März, Einführung Valentin Herzog): "Die letzte Nacht der alten Zeit", Hartmanns vierter Roman zur Geschichte der Schweiz, schildert den Untergang der alten Eidgenossenschaft (März 1798) aus der Perspektive des Berner Schultheissen Steiger, seines Adjutanten Dubi und der Magd Maria. So überlegen und gekonnt der Autor die dramatischen Ereignisse auf diese drei Protagonisten konzentriert und von ihnen her wieder spannungsreich auffächert, so perfekt gestaltet er auch seine Lesungen.
Die schiere Beiläufigkeit, mit der die ganze Epoche in den Leser einsickert, verrät die Meisterschaft des Romanautors.
Urs Grether, RZ 9. 3. 07

Serhij Zhadan, Ljubko Deresch und Oksana Sabuschko (20. März, Gemeinschafts-veranstaltung mit dem Literaturhaus Basel. Moderation Ilma Rakusa – im Literaturhaus): Die drei Autoren vertreten die jüngste und die jüngere Generation der ukrainischen Literatur. Das Publikum der ARENA – und des Literaturhauses – erlebte mit ihnen einen fulminanten zweisprachigen Abend mit Textproben aus "Depeche Mode", "Die Anbetung der Eidechse" und "Feldstudien über ukrainischen Sex", Statements und Diskussion. Musikalisch wurde die Veranstaltung von Dmitri Batin (Akkordeon) umrahmt.
Rakusa … war voll des Lobes für die äusserst beliebte zornige "Vitalität und ungeheure Sprachkraft", die "in unseren Breitengraden gar nicht mehr da" sei. Gewiss hängt hier … der Segen einer drallen Aufbruchs- und Gründerzeit …
Urs Grether, RZ 23. 3. 07

Rudolf Bussmann (17. April, Einführung Urs Allemann): Zwei Jugendfreunde, Ottavio und Juan, begegnen sich nach langer Zeit in unerwarteten Rollen: Juan ist eigenwilliger Spezialist für Betriebssanierungen, Ottavio Kadermitglied der zu sanierenden Firma. In einer "langen Nacht der Rechenschaft" (Allemann) erzählt Ottavio, der unter aggressivem Auftreten hohe Sensibilität versteckt, dem zum kalten Zyniker gewordenen Juan aus seinem Leben. In seiner sehr konzentrierten Lesung liess Bussmann vor allem den Frauenhelden Juan plastisch werden.
Rudolf Bussmann las … aus seinem neuen Roman. Nach einem kurzen, sehr einfühlsamen Geleitwort von Urs Allemann, breitete Bussmann seine sorgfältig gearbeitete Komposition aus. Er las wohltuend unaufgeregt.
Urs Grether, RZ 20. 4. 07

Thomas Brunnschweiler und Beat Rink (3. Mai im Gartensaal, Moderation Valentin Herzog): Unter dem Motto "Antwort erbeten" sprechen zwei literarisch tätige Theologen über Motive, Zielsetzung und Eigenheiten ihres Schreibens und lesen Kostproben aus ihrem Schaffen: Erzählungen (Brunnschweiler) und Aphorismen ( Rink).
Thomas Brunnschweiler las kleine Alltagsbeobachtungen, die ihm als Fragmente für spätere Kurzgeschichten dienen. […] Rinks sorgfältig gebaute Worthäppchen entlockten dem Publikum … erstauntes Lachen, wenn eine Pointe unvermittelt aufging: "Beim Korrigieren eines Aphorismus: Ein letzter Schliff und er ist weg."
Sibylle Meyrat, RZ 11. 5. 07

Daniel Goetsch (12. Juni, Einführung Elke Müller) präsentiert seinen dritten Roman: "Ben Kader",die faszinierende Geschichte einer Identitätssuche zwischen einer gefährdeten Liebes- und einer belastenden Vaterbeziehung, zwischen ungewisser Zukunft und schlimmen Erinnerungen – und zwischen helvetischer Normalität auf der einen, den langen Schatten einer armenisch-französisch-algerischen Familiengeschichte auf der anderen Seite. Aufschlussreiche Diskussion: Goetschs Vorfahren mütterlicherseits waren Algerienfranzosen.
Araber, Franzose, Italiener – im Roman von Daniel Goetsch werden sie als Zuschreibungen von aussen sichtbar, die zwar identitätsstiftend, aber höchst fragwürdig sind. Araber als die anderen, ald Bedrohung für die westliche Welt schlechthin – dieser Diskurs … gab den Anstoss zu seinem äusserst lesenswerten Buch.
Sibylle Meyrat, RZ 15. 6. 07

Wolfgang Bortlik (4. September im Gartensaal der Alten Kanzlei, Einführung Valentin Herzog) liest eine gekürzte Fassung des Textes "Ambrosiaherz", den er dankenswerterweise für das ARENA Jahresheft aus dem "Steinbruch" eines in Arbeit befindlichen Romans zusammengestellt hat. Es geht darin um einen Herrn Fischer, einen Intellektuellen, dem das Leben "ziemlich durcheinander geraten" ist und den Frau und Kinder verlassen haben. Während der Ferien soll er das schmucke Einfamilienhäuschen seiner Gattin (in Riehen) hüten, Katze füttern, Blumen giessen – eine anspruchsvolle Tätigkeit, bei der ihm pausenlos die wildesten Fehlleistungen passieren.
Auch für diesen Text sowie für Bortliks satirische Gedichte gilt was die taz seinerzeit über ihn schrieb: "Überall gibt es Feindbilder, auf die Bortlik mit Lässigkeit eindrischt."
Bortlik schaffte es, alle für seinen Humor zu begeistern und dem Publikum Lacher zu entlocken.
Joëlle Homberger, Badische Zeitung, 6. 9. 07

Hanna Johansen (18. September im Gartensaal der Alten Kanzlei, Einführung Katja Fusek) stellt mit einer dramaturgisch gekonnt gestalteten Lesung der beiden Anfangskapitel ihren neuen Roman "Der schwarze Schirm" vor. Es geht dabei um zwei extrem gegensätzliche Frauen, die sich in einem Zug begegnen und deren Schicksal sich auf ebenso zufällige wie verhängnisvolle Weise miteinander verknüpft. Mit der Art ihres Vortrags gelingt es der Autorin, die äusserst subtile Ironie, mit der sie Claire und Rose betrachtet, wirkungsvoll zur Geltung zu bringen.
Meisterhaft zugespitzte Dramaturgie und Feinabstimmung …Was für ein lohnender Abend.
Urs Grether, RZ, 28. 9. 07

Homer und Urs Allemann: "Die Odyssee berndeutsch" (30. Oktober im Gartensaal der Alten Kanzlei – Kaleidoskop). Nach einer brillanten Einführung, die Ilias und Odyssee als Werke an der Nahtstelle zwischen mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung charakterisierte, las Allemann vor einem überraschend zahlreichen und höchst interessierten Publikum den ganzen fünften Gesang des von Albert Meyer ziemlich frei ins Berndeutsche übertragenen Epos: Den Rat der Götter, Hermes' unangenehme Mission bei Kalypso, den Flossbau, die Meerfahrt und schliesslich den furchtbaren Sturm, in dem Odysseus trotz allem untergegangen wäre, hätte nicht die freundliche Galathea ihn mit ihrem Schleier und guten Ratschlägen gerettet. Ein fabelhafter Abend, der bewies, wie lebendig und fesselnd Homers Dichtung – richtig präsentiert – auch heue noch sein kann.

Michael Schneider (1. November im Cagliostro-Pavillon, Riehen, Einführung G. Ravasio vom Verlag Kiepenheuer & Witsch): Mit geschickt ausgewählten Passagen und eingestreuten Zauberkunststücken präsentierte der Autor an diesem historischen Ort seinen voluminösen Roman "Das Geheimnis des Cagliostro". Schneiders Anliegen ist es, dem verrufenen Hochstapler insofern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als er dessen "ganzheitlichen" Ansatz bei der Behandlung Kranker und darüber hinaus seinen sozialen Einsatz für die Armen und Ärmsten aufzeigt.
Ein packender Roman, der die Leser in die Lebens- und Vorstellungswelt des 18. Jahrhunderts eintauchen lässt.
Sibylle Meyrat, RZ, 9. 11. 07

Navid Kermani (15. November im Kellertheater, Einführung Valentin Herzog) stellte seinen jüngsten Roman "Kurzmitteilung" vor, las daneben aber auch eine der Erzählungen aus "Du sollst" und eine seiner mit raffiniertem Witz und viel Selbstironie geschriebenen Kolumnen. So entstand ein differenzierteres Bild vom Schaffen des Autors, als man es bekommen hätte, wenn er nur aus seinem Roman gelesen hätte, der als Rollenprosa (eines kaltschnäuzigen Machers mit psychischen Defiziten) so überzeugend ist, dass man Gefahr läuft den Autor mit dem Ich-Erzähler zu verwechseln.
Kermani, der nicht nur Schriftsteller, sondern ebenso habilitierter Orientalist ist, [gestaltet] auf provokante Art die Begegnung von Tradition und Moderne, Islam und dem Westen, indem er seine Protagonisten über gegenseitige Vorurteile lästern lässt.
Sibylle Meyrat, RZ, 23. 11. 07

Anita Siegfried ( 4. Dezember im Kellertheater, Einführung Elke Müller) las aus ihrem facettenreichen Roman über Ada Lovelace Byron: "Die Schatten ferner Jahre". Ada war nicht nur die Tochter des grossen Dichters, den sie nie gekannt hat, dessen romantisch-exzessive Persönlichkleit sie aber zunehmend faszinierte – Ada war auch eine begnadete Mathematikerin, die zusammen mit Babbage die Grundlagen fürs Programmieren digitaler Maschinen entwickelte. Und sie war selber eine exzentrische Gestalt, verstiess laufend gegen die Normen ihrer Gesellschaft und starb sehr jung an Krebs. Neben der eigentlichen Lesung gab Anita Siegfried freimütige Einblicke in ihre Arbeitsweise.

Rückschau 2006

Salon St. Petersburg (24. Januar – Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Literaturhaus Basel, Einführung: Martin Coerper). Maria Thorgevsky und Dan Wiener rezitieren und musizieren aus der Welt der russischen Dichter des goldenen Zeitalters. Sie werden begleitet von Alexander Ionov (Balalaika) und Sergej Simbirev (Akkordeon).
Die vier hatten ein kurzweiliges Programm … einstudiert, das seine Vitalität wesentlich aus der theatralischen Energie Maria Thorgevskys bezog. … Sie gibt den "Romanzen" den Anflug von Bohème und Provokation und macht sie so heute noch hörenswert.
(Nikolaus Cybinski, RZ, 3. 2. 06)

Hoo Nam Seelmann (21. Februar) gibt einen Überblick über die Umwälzungen, die sich in der koreanischen Literatur im Lauf des letzten Jahrhunderts vollzogen haben. Die gebürtige Koreanerin, die in Deutschland studiert hat und heute in Riehen als Übersetzerin und Publizistin zu Hause ist, versteht es hervorragend, die Einflüsse der verschiedenen Kolonialmächte und der gesellschaftlichen Umwälzungen auf die Literatur ihrer Heimat zu analysieren und nachvollziehbar zu machen. Elke Müller und Valentin Herzog lesen Texte, an denen diese Veränderungen sichtbar werden.

Gerold Späth (19, März, Matinée im Lüschersaal, Einführung Oliver Bader) liest aus seinem eben erschienenen Roman "Aufzeichnungen eines Fischer" – ein fulminantes Comeback.
…Späth hat seinen Leuten genau aufs Maul geschaut. Die Dialoge in den "Aufzeichnungen eines Fischers" wirken wie gerade eben in der Beiz mitgeschnitten … Das ergibt eine Wirkung von Unmittelbarkeit und Lebensnähe, wie sie bei Schweizer Schriftstellern eher selten anzutreffen ist.
(Sibylle Meyrat, RZ, 24. 3. 06)

Oscar Peer (28. März, Einführung: Edith Lohner, Kaleidoskop) stellt sein jüngstes Werk "Akkord/il retuorn" vor, die Geschichte eines Ausgegrenzten, der nach Verbüssung einer Gefängnisstrafe in sein Engadiner Dorf zurückkehrt.
Es gehört Mut dazu, heute literarisch über eine alpine dörfliche Lebenswelt zu schreiben, die es so nicht mehr gibt. Trotz ausführlicher Landschaftsbeschreibungen umschifft Oscar Peer souverän die Klippe beschaulicher Heimatliteratur. Verklärung liegt ihm fern. Dazu kennt er die Figuren, über die er schreibt, wohl zu gut.
(Sibylle Meyrat, RZ, 7. 4. 06)

Beate Rothmaier (16. Mai, Einführung: Valentin Herzog) liest aus ihrem kürzlich erschienenen Erstlingsroman "Caspar". Es handelt sich dabei um eine perspektiven- und facettenreich geschriebene Geschichte, in deren Mittelpunkt die historisch dokumentierte Figur eines Findelkinds im ausgehenden 18. Jahrhundert steht.
Kleines Schicksal gross erzählt … Rothmaier schlüpft mit viel Empathie in diese Figur, die in jeder Hinsicht am Rand steht, und rückt sie ins Zentrum. Geradezu körperlich spürbar macht sie die Energie, die Caspar antreibt: Er will ausbrechen, lernen, weiterkommen, verstehen – was ihm stückweise auch gelingt.
(Sibylle Meyrat, RZ, 26. 5. 06)

Margrit Schriber (30. Mai, Einführung: Iren Nussberger) stellt ihr jüngstes Buch "Das Lachen der Hexe" vor, in dem es um die historische Figur einer gewissen Anna Maria Gwerder geht, die 1752 im Gefängnis von Schwyz an den Folgen der Folter starb, bevor sie noch in einem ordentlichen Verfahren als Hexe abgeurteilt werden konnte.
Margrit Schriber treibt ihre Geschichte mit einer schnörkellosen Sprache, versetzt mit Dialektausdrücken, ihrem unvermeidlichen Ende entgegen … Die Sinnlichkeit, mit der Margrit Schriber in die Lebenswelt eines abgelegenen Alpendorfs im 18. Jahrhundert eintaucht, entwickelt einen Sog, dem sich ihre Leser schwerlich entziehen können.
(Sibylle Meyrat, RZ, 2. 6. 06)

Valentin Herzog (5. September im Anschluss an die Mitgliederversammlung, Einführung Katja Fusek) präsentiert seine unter dem Titel "Karims Café" erschienenen "Geschichten aus Marokko", in denen er Erfahrungen und Eindrücke literarisch souverän umsetzt und sich feinfühlig der widersprüchlichen Realität des Landes annähert.
Der Ton bleibt frisch, die Figuren plastisch, das ausgelegte Gewebe hält die wachsende Spannung … durch. Dass sich die unterschiedlichen Zivilisationen – hier die Europäer, dort der durch seine dunkle Haut zusätzlich ausgegrenzte Araber – letztlich nur berühren können, flicht neben leiser Ironie einen erst recht tragischen Unterton ein.
(Urs Grether, RZ, 8. 9. 06)
(Zugleich mit "Karims Cafe" wird auch das ARENA Heft 7 vorgestellt, das neben dem Jahresbericht 2005 unter dem Titel "Titbouline" sechs weitere marokkanische Erzählungen des ARENA Vorsitzenden bringt.)

Paul Niederhauser (26. September, Einführung Edith Lohner, Kaleidoskop) führt auf einen heiter-besinnlichen Streifzug durch die bernische Mundart und Mundartliteratur mit manchmal heimeligen, öfters besinnlichen, gelegentlich bitterbösen Texten von Urs Frauchiger, Hans Zulliger, C. A. Loosli, Ernst Eggimann, Christine Kohler, Kurt Marti, Ernst Burren u. v. a.
Die Alterslosigkeit, die ihm (Niederhauser) provozierend gut zu Gesicht steht, gehört zu diesem stupenden Parforceritt durch zweihundert Jahre Berner Mundartdichtung.
(Urs Grether, RZ, 29. 9. 06)

Katja Fusek (16. November, Einführung Valentin Herzog) stellt ihren zweiten Roman vor: "Die stumme Erzählerin", eine auf eigenwillige Weise raffinierte, ebenso subtil wie poetisch erzählte Geschichte von der wortlosen Begegnung zweier Menschen, die auf sehr unterschiedliche Art vom Schicksal gezeichnet sind.
Die bis zum Ende des Romans in Engführung mit dem Leben der realen Figuren sich verdichtende Geschichte zieht in einem geschickten Spiel der Erzählebenen den Leser sanft mit sich. […] Der Roman Fuseks erstaunt nicht nur durch das erzählerische Konzept, sondern vor allem durch den radikal weiblichen Standpunkt, in welchem für einmal ein Mann zur Projektionsfläche weiblicher Fantasien wird.
(Arlette Schnyder, RZ, 24. 11. 06)

Peter Stamm (5. Dezember, Einführung Lea Meier), liest in leicht geraffter Form den Anfang seines neuen Romans "An einem Tag wie diesem". Mit fast asketischer Nüchternheit (im Gespräch fiel der Begriff "Minimalismus") berichtet der Autor von einem Schweizer Lehrer, der sich nach 18 Arbeitsjahren in Paris plötzlich aus seiner bequemen Routine gerissen sieht.
Gäbe es, was den Umgang mit dem Publikum betrifft, einen Preis für den unzickigsten Schriftsteller, so gehörte er niemand anderem als Peter Stamm. Das war kürzlich in einer deutschen Zeitung zu lesen. Wer den Autor in Riehen erlebt hat, dürfte dieser Wahl ohne Zögern zustimmen.
(Sibylle Meyrat, RZ, 8. 12. 06)

Rückschau 2005

Peter von Matt (Dienstag, 18. Januar im Lüschersaal, Moderation Alexandra Stäheli, Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Literaturhaus Basel): "Ich b-hof. Wo du???" Der bekannte Germanist stellt sich der Frage: Vergammelt unser Deutsch?
Alle erlebten einen munter geistreichen Emeritus, der in seinem langen Professorenleben nicht vergessen hat, dass gewitzte Bemerkungen und spontanes Lachen auch ernste Themen wunderbar schmücken können … Langer Beifall.
(Nikolaus Cybinski, RZ, 21. 1. 05)

Pham Ti Hoai (Donnerstag, 3. Februar, Einführung Oliver Bader): Die vietnamesische Schriftstellerin, die heute in Berlin lebt, liest veröffentlichte und neue Texte und berichtet über die Wirklichkeit ihrer Heimat.
Sie öffnet mit ihren Texten Fenster in die Gegenwart eines Landes, das im Westen noch weitgehend unbekannt ist […] die merkwürdige Mischung aus Fremd- und Vertrautheit macht Lust auf mehr.
(Sibylle Meyrat, RZ, 9. 2. 05)

Urs Allemann (Dienstag, 15. März, Einführung Valentin Herzog): "Tausend Küsse und noch und noch" – erotische Gedichte aus dem alten Rom.
Gruss dir, Mädchen, mit der nicht kleinen Nase / mit nicht niedlichem Fuss, nicht schwarzen Äuglein […] Dir wagt man meine Lesbia zu vergleichen? O Jahrhundert, wie bist du geistlos, witzlos!
(Catullus, 43)

Hilda Jauslin (Donnerstag, 14. April, Einführung Edith Lohner): "Joruus – Joryy" Die im Basler Dialekt schreibende Autorin stellt auf Einladung des KALEIDOSKOP ihren eben im OSL Verlag erschienenen Gedichtband vor.
Hilda Jauslin versteht es, anhand schlichter Momentaufnahmen ausdrucksstarke Bilder zu evozieren: Blicke in den Garten … Szenen aus der Basler Innenstadt – unspektakulär zunächst, doch oft von grosser poetischer Kraft.
(Sibylle Meyrat, RZ. 22. 4. 05)

René Regenass (Dienstag, 3. Mai, Einführung Valentin Herzog): "Wegmarken". Die ARENA feiert den 70. Geburtstag des ihr seit jeher verbundenen Autors und präsentiert seinen neuen Geschichtenband, der ebenfalls im OSL Verlag erschienen ist.
Die Geschichten sind fein gezeichnete Miniaturen, oft durchsetzt mit subtilem Humor. Kaum eine ist länger als drei Taschenbuchseiten, viele enthalten Stoff für ein ganzes Buch. Sie entstanden mit dem Blick des bald Siebzigjährigen, der zurückschaut, ohne an der Vergangenheit kleben zu bleiben.
(Sibylle Meyrat, RZ. 13. 5. 05)

Lukas Hartmann (Donnerstag, 23. Juni, Einführung Iren Nussberger): "Die Deutsche im Dorf" – ein Roman, in dem es um Fremdenfeindlichkeit, aber auch um Täter- und Opferrollen sowie um misslungene Bewältigung der Vergangenheit geht.
Fragen über Fragen in diesem psychologisch durchdachten Roman, den Hartmann nicht nur liest, sondern sogar szenisch gestaltet und den Fortgang der Geschichte sehr lebendig und neugierig machend erzählt.
(Jürgen Scharf, Oberbadisches Volksblatt/Südkurier, 25. 6. 05)

Markus Ramseier (Dienstag, 30. August, Einführung Valentin Herzog): "Der das Licht anzündet" – diese eigens für die ARENA verfasste Erzählung und weitere Texte stellt der zunehmendes Interesse verdienende Autor im Rahmen der ARENA-Mitgliederversammlung und der Präsentation des neuen ARENA-Hefts vor.
Sec und lakonisch ist Ramseiers Stil, in fast wortkarger Dramatik erzählt er von menschlichen Abgründen. Mit seinen Romanen hat er sich einen Namen gemacht. Für seine Erzählung "Asseln" erhielt er den Bettina-von-Arnim-Preis.
(BaZ, 30. 8. 05)

Tim Krohn (Dienstag, 20. September, Einführung Lea Meier): "Heimweh" – ein Buch voller Sehnsucht und voller Hoffnung, das auf betörende Weise vom Schmerz und vom Zauber der Jugend erzählt.
Drei Geschichten enthält das Buch. In jeder steht ein Junge im Mittelpunkt. Alle sind sie grundverschieden und doch verbindet sie das Gefühl der Verlassenheit und die Suche nach einer inneren Heimat.
(Sibylle Meyrat, RZ. 23. 9. 05)

Bruno Epple (Dienstag, 25. Oktober, Einführung Edith Lohner): Der am Bodensee lebende Autor gibt als Gast des KALEIDOSKOP Kostproben seiner in Mundart geschriebenen und zugleich vom Geist der grossen abendländischen Dichtung durchwehten Lyrik.
Wenn Bruno Epple seine Heimat besingt, dann gedenkt er nicht nur eines Walafried Strabo, sondern er lässt seine Gedanken bis nach Basel schweifen, um sich des Johann Peter Hebel zu erinnern, oder er lässt die rosenfingrige Eos aufsteigen und die Antike anklingen …
(Barbara Imobersteg, RZ. 28. 10. 05)

Karl-Heinz Ott (Donnerstag, 10. November im Gartensaal der Alten Kanzlei, Einführung Oliver Bader): "Endlich Stille" lautet der vielsagende Titel des abgründigen und anspielungsreichen Romans, den der Freiburger Autor in die ARENA bringt.
Als Otts Roman in diesem Frühjahr erschien, wurde er von allen Seiten mit Begeisterung aufgenommen. Sehr zu Recht, denn … dem Roman wohnt eine Spannung inne, die man sonst nur bei einem Psychothriller vermuten würde.
(RZ. 4. 11. 05)

Katja Fusek (Dienstag, 29. November im Lüschersaal, Einführung Valentin Herzog): "Der Drachenbaum" vereinigt 16 anrührende Erzählungen, die kürzlich im OSL Verlag erschienen sind. Katja Fusek ist Mitglied des ARENA-Teams.
Kaum eine Erzählung von Katja Fusek, der nicht ein Geheimnis innewohnt […] Das eigene Erlebnis des Fremdseins und der Einsamkeit hat wohl auch den Grund gelegt für ihre grosse Erzählkunst und ihren unerschöpflichen Reichtum an Fantasie, dem man im "Drachenbaum" wiederum begegnen kann.
(Barbara Imobersteg, RZ. 2. 12. 05)

Rückschau 2004

Andrea Jundt (27. Januar, Einführung Edith Lohner) liest im Dialekt der Gegend geschriebene Erinnerungen aus dem Lauterbrunnental.
Andrea Jundts Geschichten … kamen mit jener Frische und Lebendigkeit daher, die der mündlichen Sprache eigen ist … Bei Jundt klingt jeder Satz wie aus dem Leben gegriffen. Aus einem Leben allerdings, das ausgesprochen idyllisch anmutet.
(Sibylle Meyrat, RZ)

Urs Allemann (10. Februar, Einführung Valentin Herzog) stellt im Dialog mit dem Schlagzeuger Matthias Würsch seinen Gedichtband "schoen! schoen!" vor.
Verfremdung ist auch bei Allemann stets präsent. In die klassischen Versformen der Elegie, des Sonetts und der Ode hat der Lyriker, den ein Kritiker als "Orpheus am Laptop" bezeichnete, eine gänzlich moderne Sprache gegossen.
(Sibylle Meyrat, RZ)

Ernst Halter (30. März, Einführung Katja Fusek) liest aus "Die Stimme des Atems. Wörterbuch einer Kindheit".
Die Ergänzung der persönlichen Erinnerungen durch die Zeitungsartikel machen den Text zu einem Stück erlebter Lokalgeschichte, die um so lesenswerter wird, weil sie frei bleibt von Abrechnungen und Schuldzuweisungen, aber auch von Verklärungen.
(Nikolaus Cybinski, RZ)

Gabrielle Alioth (22. April, Einführung Valentin Herzog) stellt ihren neuen Roman "Die Erfindung von Liebe und Tod" vor.
Die Übergänge sind virtuos gestaltet, manchmal wechselt Alioth im gleichen Satz mehrmals die Erzählebene. Das verlangt de,m Leser einiges an Geduld ab, entwickelt aber zusehends einen unverwechselbaren Sog, einen eigenen Rhythmus und eine eigene Realität.
(Sibylle Meyrat, RZ)

Gisela Widmer (3. Juni, Einführung Iren Nussberger) liest die Erzählung "Sapis Schlaf" aus ihrem neuen Erzählband "Liebesgrund".
Offensichtlich hatte Gisela Widmer mit der Beschreibung ihres Protagonisten an einen Punkt gerührt, der viele im Publikum beschäftigte …
(Sibylle Meyrat, RZ)

25 Jahre ARENA (20. Juni, Moderation Valentin Herzog). In einer festlichen, musikalisch umrahmten und durch ein sehr freundliches Grusswort der Gemeinderätin Maria Iselin-Löffler eröffneten Soirée im Lüschersaal werden elf "Monatsgeschichten" von elf zu einem Wettbewerb eingeladenen Autoren dem Publikum durch die neutrale Sprecherin Franziska von Arx vorgestellt. Den "Autorenpreis" der ARENA vergibt die Jury, die aus den elf Teilnehmern besteht. Er geht an Heinrich Wiesner. Den von der Gemeinde Riehen gestifteten "Publikumspreis" vergeben die anwesenden Freundinnen und Freunde der ARENA in geheimer Abstimmung. Er geht an Alberigo Tuccillo. Ausser diesen beiden haben sich am Wettbewerb beteiligt: Klaus Merz, Martin Roda Becher, Erich Grasdorf, Daniel Zahno, Walter Schüpbach, Ernst Reinhardf, Wolfgang Bortlik, Verena Stössinger und Ingeborg Kaiser (in der Reihenfolge der von ihnen thematisierten Monate).
Die ARENA hat sich stets als kleines, aber feines Unternehmen ausgezeichnet, das immer mit hochkarätigen Überraschungen aufwarten konnte.
Dominik Heitz, Basler Zeitung

Alberigo Tuccillo und Heinrich Wiesner (31. August, Einführung Valentin Herzog) lesen ihre preisgekrönten Wettbewerbstexte und weitere "Geschichten ohne festen Wohnsitz" (Tuccillo).
Zwei Meister der kurzen Form …
Sibylle Meyrat, RZ

Albert M. Debrunner (24. September, Einführung Rosemarie Schürch): stellt seine Studie über René Schickeles Schweizer Emigrationsjahre vor: "Freunde es war eine elende Zeit".
Bereits bei der Lesung wurde klar, dass Debrunners Studie ausgedehnte Recherchen vorangegangen waren … Aus unzähligen Quellen hatte er sein Material geschöpft und zu einer … lückenlosen Dokumentation gefügt … eine Fundgrube an Fakten …
Sibylle Meyrat, RZ

Christian Schmid (21. Oktober, Einführung Edith Lohner) liest aus seinen Geschichten über Wörter "Durchs wilde Wordistan".
Die Geschichten haben zwar einen Schluss, aber kein Ende. Man könnte sie unendlich weiterspinnen. Mit jedem Wort eröffnet sich wieder ein neues Umfeld, das es ebenso wert wäre, erforscht zu werden.
Karin Müller, RZ

Hansjörg Schneider (4. November, Einführung Katja Fusek) liest aus dem teilweise in Riehen spielenden Roman "Wasserzeichen" und seinem neueste Krimi: "Hunkeler macht Sachen".
Wer sich nicht von der Rollenbesetzung durch Matthias Gnädigerhat beirren lassen, hat an diesem Abend schon mehrmals an die Ähnlichkeit zwischen Schneider und seiner Romanfigur gedacht. Hunkeler, das ist der eigenwillige Fahnder, der mit Kenntnis, Gespür und Verständnis die Spuren sucht.
Barbara Imobersteg, RZ

Ursula Fricker (23. November, Einführung Iren Nussberger) stellt ihren autobiographisch gefärbten Erstlingsroman "Fliehende Wasser vor.
Ursula Fricker entwirft das Bild dieser schier hoffnungslosen Familiensituation mit beklemmender Sachlichkeit. Da gibt es kein Wort zuviel, und jedes sitzt am rechten Ort.
Valentin Herzog, Basler Zeitung

Ahne (17. Dezember, Moderation Oliver Bader), der Berliner Surfpoet liest Texte und lädt zur Surfdisco – und zwar im Keller des Deutschen Seminars am Nadelberg.
So zimmert er geschickt improvisierend seine monologischen Texte, gleichsam auf Dieter Hildebrandtsche Art, zu einem amüsanten Sprachmix … Auf den Mund ist er nicht gefallen.
Nikolaus Cybinski, RZ

Rückschau 2003

Peter Weber (4. Februar, Einführung Oliver Bader) stellt sein jüngstes Buch "Bahnhofsprosa" vor: Dann folgen längere Passagen, die vor allem durch den Rhythmus wirken. Ein Wort bringt das nächste hervor ... Wie im Jazz wird ein Thema umkreist, weiterentwickelt, variiert ... Und ab und zu scheint ein kleines Wunder auf, eine "Purpurminute".
(Sibylle Meyrat, RZ)

Waltraud Meissner (25. Februar, Einführung Edith Lohner) liest "Pfälzer Philosvie, Tierisch- Ernstes, Menschlich- Heiteres" (Gedichte) im Foyer des Lüscherhauses (KALEIDOSKOP -).
"Läwe" ist lebenswert! Es sperrt sich nicht dagegen, gereimt zu werden, und dabei beweist Waltraud Meissner erstaunliches Geschick. Gelegentlich harzen zwar ihre Reime, doch das stört nicht ernsthaft.
(Nikolaus Cybinski, RZ)

Emil Zopfi (28. März, Einführung: Lea Meier) liest aus seinem neuen Roman "Steinschlag", in dem es um eine junge Bergführerin geht, die von einem alten Kollegen zu einer Rettungsaktion mitgenommen wird.
Emil Zopfi, der Computerfachmann und seit vierzig Jahren leidenschaftlicher Bergsteiger ... ist ein genauer Beobachter, einer, der als Schreibender weiss, dass anspruchsvolle Literatur auch aus der genau kalkulierten Fülle präziser Details lebt.
(Nikolaus Cybinski, RZ)

Peter Urban (29. April, Einführung: Rosemarie Schürch) berichtet in einem ausserordentlich aufschlussreichen Vortrag von seinen Erfahrungen als Übersetzer und Herausgeber der Werke von Anton ?echov.
Ein guter Übersetzer, das war aus Urbans Erläuterungen zu schliessen, kennt die Stellen, wo die Gefahren der Verfälschung lauern, und versucht sie zu umgehen. Ganz einfach ist das nicht, weil die Wörter in ihren Sprachen ihre jeweilige Bedeutung haben und darum nicht ohne semantische Verluste übersetzbar sind.
(Nikolaus Cybinski, RZ)

Pessoa-Nacht mit Peter Hamm (14. Mai im Meierhof, Einführung: Alexandra Stäheli). Der bekannte Literaturkritiker zeichnet in Wort und Film ein Bild des grossen Portugiesen und spricht über Fernando Pessoas "Buch der Unruhe".
Peter Hamm zeigte die Bedeutung von Pessoas Werk für die europäische Moderne auf und entdeckte im portugiesischen Dichter einen entfernten Verwandten von Robert Walser ...
(Sibylle Meyrath, RZ)

Marina Markees (20. Mai ,Einführung: Edith Lohner, musikalische Umrahmung: Karin Löffler) stellt ihren eben erschienenen Roman "Küchenliebe, eine Biografie al dente" vor, einen sinnlichen Roman mit Biss, eine Familiensaga voller Aromen. (KALEIDOSKOP)
In ihrem Roman ... zeigt sich Marina Markees als Erzählerin mit grosser Phantasie, die vor allem in kleinen Wendungen für witzige Überraschungen sorgt ... Das zahlreich erschienene Publikum liess sich gerne von Küchenliebe anstecken.
(Sibylle Meyrat, RZ)

Katja Fusek (26. August, Einführung Valentin Herzog) liest ihre im vierten ARENA-Heft erschienene Erzählung "Der graue Antiquar" und diskutiert darüber mit der bekannten Basler Antiquarin Annemarie Pfister.
Ohne Pathos stellt Katja Fusek die verschiedenen Gefühlszustände dar. Ihre sensiblen Schilderungen rücken die Figuren in lebendige Nähe, die Zuhörerschaft hat Anteil am Geschehen. Die grossen Themen wie Leidenschaft, Schuld und Sühne holt die Autorin mit ihrem feinen Humor immer wieder in die Alltagsrealität.
(Barbara Imobersteg, RZ)

Kurt Gerber (19. September, Einführung: Lea Meier) stellt seinen Kantonsführer "s Baselbiet: erfassen, erleben, geniessen" vor. (KALEIDOSKOP)
Seine spannenden und mit Anekdoten gewürzten Ausführungen wirkten anhand von Dias besonders lebendig und machten "gluschtig" auf einen baldigen Ausflug in unseren Nachbarkanton.
(RZ)

Alex Capus (4. November, Einführung: Iren Nussberger) liest aus seinem neuesten Roman "Glaubst du, dass es Liebe war?", der davon handelt, wie "mein Fahrradmechaniker Harry Widmer junior ein ziemlich guter Mensch wurde – er, der stets ein Prachtskerl von einem Schweinehund gewesen war."
Diesem Provinzcasanova heftet sich der Erzähler an die Fersen, beobachtet seine hinterhältigen Gemeinheiten ... und berichtet darüber in lakonischem Tonfall. Beschönigt nichts, klagt aber auch nicht an ... In der Kunst Menschen so zu schildern, dass sie trotz oder gerade wegen ihrer Schwächen liebenswert sind, zeigte sich Capus schon in seinen früheren Büchern als Meister.
(Sibylle Meyrath, RZ)

J. R. R. Tolkien und die Reise der Gefährten – ein multimedialer Ausflug nach Mittelerde mit Bildern, Texten (gesprochen von Hans-Jürg Müller) und Musik (Ann Allen und Baptist Romain). Konzept und Realisation: Marcel Mertz mit Lea Meier. (11. November)
Marcel Mertz hat den Abend als Geografiestunde konzipiert. Von braunen Wüsteneien, fürchterlichen Hügelketten und dem verlorenen grünen Auenland war die Rede, was sich bisweilen mit Hilfe der Musik zum stimmungsvollen Tableau verdichtete ...
(Benjamin Herzog, BaZ)

Armin Strohmeyr (27. November, Einführung: Thomas Wilhelmi) berichtet über die "schwierige literarische Freundschaft" zwischen René Schickele und Annette Kolb und stellt seine kürzlich erschienene Biographie der "Dichterin zwischen den Völkern" vor.
Der Briefwechsel zwischen Annette Kolb und René Schickele ist ein beeindruckendes persönliches und geistesgeschichtliches Dokument ... In seinem Vortrag geht Armin Strohmeyr auf die schwierige literarische Freundschaft und auf Annette Kolbs Leben in Badenweiler ein und zitiert auch aus ihren Briefen ...

Rückschau 2002

Michel Martin (29. Januar, Kellertheater im Haus der Vereine, Einführung Marcel Mertz) berichtet mit hervorragendem Bildmaterial über seine Erfahraungen bei der Erforschung eines umstrittenen Phänomens, nämlich der so genannten "Kornkreise", wie sie vor allem in England immer häufiger zu beobachten sind.
Das Kellertheater war übervoll besetzt. Ein interessanter Abend, bei dem für einmal die (Schrift-?)Zeichen nicht ausgelegt wurden, sondern im Raume stehen blieben – im wahrsten Sinne des Wortes Fragezeichen.
(Franz Osswald, RZ, 1. 2. 02)

Peter Stamm (12. März, Gartensaal im Haus der Vereine, Einführung Iren Nussberger) liest aus seinem neuen Roman "Ungefähre Landschaft", der vom Schicksal der jungen Zöllnerin Kathrine in einem nordnorwegischen Dorf erzählt.
Peter Stamm wird für seine knappe Sprache gelobt. Ähnlich knapp agierte er bei der Lesung. Ohne grosse Umschweife begann er zu lesen. Er fuhr fort, ohne aufzublicken, und zog das Publikum hinein in die von ihm mit wenigen Worten präzis wiedergegebene Landschaft im hohen Norden.
(Judith Fischer, RZ, 15. 3. 02)

Manfred Jung (16. April, Foyer des Lüscherhauses, Einführung Edith Lohner) liest unter dem Motto "verruckt kommod" Gedichte und Prosatexte in seiner alemannischen Mundart.
Das Vorurteil, dass Mundartliteratur weniger anspruchsvolle Literatur sei, existiert noch immer. Deshalb tun Gegenbeweise immer wieder gut. Ein eindrücklicher Gegenbeweis war der KALEIDOSKOP-Abend ... musikalisch begleitet von der Gitarristin Sabine Ging-Jung, die passend zu den Texten mal filigran, mal temperamentvoll spielte.
(Judith Fischer, RZ, 19. 4. 02)

Hanna Johansen (24. April, Kellertheater, Einführung Renate Löffler) stellt ihren neuen Roman vor, dessen 80jährige Haupt- und Titelfigur Lena vergeblich versucht, ihrer "Nichte" Phia die lange verschwiegene Wahrheit zu eröffnen, dass sie in Wirklichkeit ihre Tochter ist.
Würde Hanna Johansen nicht schreibend über diese Zwischentöne verfügen, die sonst niemand hat, so würde sich angesichts der beiden (Lebens-)Lügen-Geschichten ständig die Frage nach ihrer Plausibilität stellen. Mit und dank den Zwischentönen ist alles ganz von selbst genau so, wie es erzählt wird: glaubwürdig, plausibel, verrückt, ver-rückt!
(Heinz Schafroth, BaZ, 12. 4. 02)

Andreas Schendel (13. Juni, Haus der Vereine, Einführung Valentin Herzog) präsentiert seinen eben erschienenen Roman "Fluchtpunkt", die Geschichte eines Liebespaares, das inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs versucht, sein privates Pariser Idyll zu bewahren – bis die Gestapo zuschlägt.
Schendel möchte zeigen, wie der Einzelne, auch wenn er noch so unauffällig zu leben versucht, durch die Ereignisse seiner Zeit geprägt, wenn nicht gar geschädigt wird. Es ist eine traurige Geschichte ... aber auf wundervolle und einfühlsame Weise erzählt.
(Anaïs Henssler, RZ, 21. 6. 02)

Ingeborg Kaiser (27. August, Kellertheater, Einführung Valentin Herzog, musikalische Gestaltung Benjamin Herzog) feiert anlässlich der ARENA-Jahresversammlung die Vernissage ihres neuesten Werkes "Ró?a und die Wölfe. Biographische Recherche zu Rosa Luxemburg". In dem facettenreichen Roman wird das Bild der vielgehassten und ebenso heftig bewunderten Revolutionärin aus der Perspektive einer modernen Frau kunstvoll und bestürzend lenbendig nachgezeichnet.
Ein Roman? Eine Biographie? Das Buch ist wohl beides, und zugleich mehr, etwas durchaus Eigenständiges und Neues, auch darum, weil es auf und mit drei Ebenen spielt ...
(Martin Zingg, BaZ, 29. 8. 02)

Roman Bucheli, Martin R. Dean und Alexandra Stäheli im Kritikergespräch (10. September, Lüschersaal im Haus der Vereine, Moderation Valentin Herzog). Unter dem provozierenden Titel "Tod eines Autors" diskutiert das prominent besetzte Podium über Martin Walsers umstrittenen Roman "Tod eines Kritikers", über die Frage, ob man "mit dem Antisemitismus spielen" darf und grundsätzlich über das ambivalente Verhältnis zwischen Autoren und Kritik.
Im Weiteren diskutierten die Podiumsteilnehmer allgemein über die Rolle und Aufgabe der Literaturkritik und das Verhältnis zwischen Literaturkritiker .. und Autoren. Und im Speziellen diskutierten sie über das Verhältnis von Martin Walser ... zum sich zum Literaturpapst ernannt habenden Marcel Reich-Ranicki ...
(Judith Fischer, RZ, 13. 9. 02)

Joachim Latacz (19. September, Wenkenhof, Einführung Thomas Wilhelmi) stellt dem ARENA-Publikum sein vielbeachtetes Buch "Troja und Homer" vor, berichtet über den aktuellen Stand der Ausgrabungsarbeiten in Troja und über die derzeit mit akademischem Ingrimm geführte Debatte über die historische Bedeutung der Stadt und des homerischen Epos.
Als Folge der Grabungen des Tübinger Archäologen Manfred Korfmann in Troja wurde das Thema Troja und Homer ... wieder aktuell. [...] Homers "Erzählsubstanz ist wohl mykenisch", sagt Latacz. Das wiederum macht die Schlussfolgerung zwingend: "Homer ist ernst zu nehmen."
(Nikolaus Cybinski, RZ, 27. 9. 02)

Katja Fusek (22. Oktober, Kellertheater, Einführung Valentin Herzog) liest aus ihrem ersten Roman "Novemberfäden", der von früher Entwurzelung (die in Prag geborene Autorin kam schon als junges Mädchen nach Basel), vom Fremdsein in der Fremde, vom Fremdwerden in der alten Heimat und vom schmerzlichen Verlust alter Beziehungen erzählt. Es war die allererste Lesung der jungen Autorin, deren Auftritt von der Basler Zeitung als "bemerkenswertes Debut" gefeiert wurde.
Wie Katja Fusek von dieser Liebe las, wurde nochmals klar, wie gut ihr zartes Vorlesen zur Geschichte passte. Das Publikum dankte mit einem langen, herzlichen Applaus.
(Judith Fischer, RZ, 25. 10. 02)

Emma Guntz (12. November, Kellertheater, Einführung Edith Lohner) liest an dieser vom KALEIDOSKOP organisierten Veranstaltung unter anderem aus ihrem Erinnerungsbuch "Hasen sterben lautlos".
In kurzen Texten lässt sie Erlebnisse aus ihrer Kindheit aufleben: das Heulen der Sirenen, die ersten Buchstaben, die Dorfschule im Ort der Grossmutter, der erhängte Soldat, den das Wort "Verräter" brandmarkt, die Eltern, die keine Fragen beantworten ... Schriftstellerisch am überzeugendsten war die Beschreibung ihrer sehr alten, kranken Mutter im Rollstuhl. Hier hat ihre Sprache die erbarmungslose Präzision, die dem Thema gerecht wird. Befreit von allem Reflektieren und Deuten entsteht ein Stück Prosawirklichkeit ...
(Nikolaus Cybinski, RZ, 15. 11. 02)

Paul Celan (21. November, Kellertheater, Einführung Lea Meier) war die letzte ARENA-Veranstaltung des Jahres gewidmet. Zusammen mit Laurent Charles (Kontrabass) und Ingeborg Poffet (Accordeon) rezitiert der Basler Schriftsteller Freddy Allemann Texte des grossen Lyrikers.
Auch später, als sich Freddy Allemann ... ins tönende Treiben einmischte, entstand nie der Eindruck einer "Lesung mit Musik". Die drei Stimmen standen gleichberechtigt nebeneinander, gingen aufeinander ein, fragend, antwortend, sich gegenseitig umschmeichelnd, um im nächsten Moment wild übereinander herzufallen und schliesslich temporeich und dramatisch in einem gemeinsamen Höhepunkt zu münden.
(Sibylle Meyrat, RZ, 29. 11. 02)





AKTUELL:

Do. 31. August 2017:
Saisoneröffnung
Regula Wenger und Yves Rechsteiner
lesen neue Texte.